Vierter Vortrag
Dieses Streben nach der übersinnlichen Erkenntnis ist selbst etwas Österliches; es ist etwas, was, wenn es empfunden wird, den Menschen wiederum ein Recht gibt, so etwas zu feiern, wie es das Osterfest ist. Wenn Sie hinschauen auf den Vollmond und ahnen, wie dieser Vollmond in seinen Erscheinungen mit dem Menschen zusammenhängt wie der Widerglanz des Sonnenhaften mit dem Mondhaften selber, so denken Sie daran, daß gesucht werden soll von dieser neueren Menschheit eine Menschheitserkenntnis, eine Menschheitsselbsterkenntnis, durch die der Mensch als ein wirklicher Abglanz des Übersinnlichen erscheint. Erkennt sich der Mensch als ein Abglanz des Übersinnlichen, erkennt sich der Mensch in dem, was er ist, als konstituiert aus dem Übersinnlichen heraus, dann findet er auch den Weg zu dem Übersinnlichen. Es ist im Grunde genommen menschlicher Hochmut, der in der materialistischen Weltanschauung zum Ausdrucke kommt, der sich nur in einer ganz merkwürdigen Weise äußert; menschlicher Hochmut, durch den der Mensch nicht sein will ein Abglanz des Göttlich-Geistigen, sondern durch den er sein will bloß das höchste der tierischen Wesen. Da ist er das Höchste. Es handelt sich nur darum, unter was er das Höchste ist! Dieser Hochmut, der führt den Menschen dazu, nun überhaupt nichts mehr anzuerkennen als sich selbst. Es wäre schon, wenn wenigstens die naturwissenschaftliche Weltanschauung bei der Wahrheit bleiben würde, ihre Aufgabe, dem Menschen immer wieder und wiederum einzuprägen: Du bist das höchste derjenigen Wesen, von denen du dir eine Vorstellung machen kannst. — Die Konsequenzen derjenigen Anschauung, die heute richtig «wissenschaftlich» sein will, die sind eigentlich so, daß sie den Menschen erblassen machen müßten; daß sie ihm zeigen würden, aus welchen moralischen Unterlagen sie eigentlich hervorgehen, wenn auch diese moralischen Unterlagen zum großen Teile unbewußt bleiben. Aber wahrhaftig, es ist in unserer Zeit schon die Epoche da, in der in einer besonderen Art der Christus Jesus gekreuzigt, zu Tode gebracht worden ist gerade auf dem Felde der Erkenntnis. Und ehe nicht die Menschen dazu kommen, die gegenwärtige, rein am Sinnlichen klebende Art von Erkenntnis als das Erkenntnisgrab anzusehen, aus dem eine Auferstehung kommen muß, eher wird die Menschheit nicht dazu kommen, sich zu solchen Gefühlen und Empfindungen zu erheben, die österliche sein werden.
Cite:
GA 198/1920-04-02/p028 · edition original