Zwolfter Vortrag
Heute möchte ich Ihnen wiederum von etwas sprechen, von dem zwar hier öfter schon gesprochen worden ist, das man aber doch so, wie es zu durchdringen notwendig ist, nur durchdringt, wenn man es öfter und von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachtet. Wer heute bewußt das geistige und schließlich auch das materielle Leben der Gegenwart mitlebt und sich wirklich innerlich seelisch eingelebt hat in das, was wir hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nennen, dem muß sich angesichts unserer Ereignisse eine schwere Kultursorge auf die Seele legen. Diese schwere Kultursorge kann man etwa so beschreiben: Auf der einen Seite sieht man die Notwendigkeit, daß dasjenige, was wir Initiationswissenschaft, Geisteswissenschaft nennen, die ergründet werden kann zuletzt nur durch die Methode der Einweihung, daß diese Wissenschaft sich womöglich über alle denkenden Menschen verbreiten muß, wenigstens der Hauptsache nach, wenn wir nicht weiter in den Niedergang hineinkommen wollen. Die Menschen haben einfach nötig, das in ihr Empfindungsleben aufzunehmen und sich anregen zu lassen für den wechselseitigen Verkehr, für das wechselseitige Handeln untereinander durch diese Initiationswissenschaft. Auf der anderen Seite lebt bei der weitaus größten Anzahl der Menschen - wir brauchen nur auf die paar Bekenner der Geisteswissenschaft hinzusehen -, also bei dem weitaus größten Teil der Menschheit besteht das Gefühl, daß sie diese Initiationsweisheit ablehnen, daß sie fortleben sollen auf dieselbe Weise, wie sie bisher gelebt haben, ohne irgendwie beeinflußt zu werden von dem, was ihnen durch diese Initiationsweisheit werden kann. Man möchte also sagen, auf der einen Seite liegt vor die dringendste Notwendigkeit der Offenbarung geistiger Welten, auf der anderen Seite die radikale Ablehnung dieses Erkennens.
Cite:
GA 198/1920-07-09/p003 · edition original