{"corpus":"steiner","locus":"GA 198/1920-07-09/p004","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Man darf sich darüber keinen Illusionen hingeben, daß im Grunde genommen die Art und Weise, wie die Menschen bisher von den traditionellen Bekenntnissen angehalten worden sind über das Geistige zu denken, heute viel Schuld trägt an dieser radikalen Ablehnung einer Weisheit von den geistigen Welten. Machen wir uns doch klar, daß vor allen Dingen die traditionellen Bekenntnisse die Menschen nur bekanntmachen mögen mit einer Seite, sagen wir des Ewigen im Menschen, mit derjenigen Seite, die über den Tod hinaus liegt, und daß eine entschiedene Ablehnung von seiten der traditionellen Bekenntnisse vorhanden ist, die Menschen heute hinzuweisen auf dasjenige, was von dem Ewig-Seelischen im Menschen vorhanden ist vor der Geburt, oder sagen wir vor der Empfängnis. Viel wird gesprochen, wenn auch in höchst unbestimmter Weise und indem immer nicht auf ein Wissen, nur auf ein Glauben hingewiesen wird, von dem Dasein der Seele nach dem Tode. Dagegen abgelehnt wird alles Sprechen über das Dasein der Seele vor der Geburt oder vor der Empfängnis. Das hat seine Bedeutung nicht nur innerhalb des Theoretischen, das wir jetzt gerade angeführt haben, innerhalb der reinen Erkenntnisurteile, die da sagen: Auf die Zeit nach dem Tode wollen wir hinschauen; auf die Zeit vor der Geburt wollen wir nicht hinschauen -, sondern das hat seine Bedeutung für das ganze Wesen des Menschen. Denn es hängt ab die Art und Weise, wie man über das Unsterbliche im Menschen spricht, von dieser Ablehnung des Vorgeburtlichen. Vergegenwärtigen Sie sich nur einmal, wie zumeist von den Bekenntnissen über die Seelenunsterblichkeit zu den Menschen gesprochen wird. Es wird appelliert an die feineren egoistischen Instinkte der Menschen. Diese feineren Instinkte der Menschen gehen ja dahin, das Dasein nach dem Tode zu begehren. In den verschiedensten Formen ist in den Menschen die Begierde vorhanden nach diesem Dasein nach dem Tode, und man muß, indem man in der gebräuchlichen Weise von diesem Dasein nach dem Tode redet, immer wieder appellieren an diese egoistischen Instinkte der Menschen, an dieses Wollen eines Daseins nach dem Tode. Man muß also appellieren in einem gewissen Sinne an die menschliche Unsterblichkeitsbegierde. Und indem man an sie appelliert, findet man den Zugang zum Glauben der Menschen an diese Unsterblichkeit nach dem Tode. Man würde nicht ohne weiteres denselben Glauben für dieselbe Art der Sprache finden, wenn man sprechen würde von dem Ewigen der menschlichen Seele, wie es vorhanden ist vor der Geburt oder vor der Empfängnis. Bedenken Sie nur eines: Man spricht von Unsterblichkeit. Man spricht nicht von irgend etwas, was in gleichem Sinne über die Geburt hinausgeht, denn man hat darüber gar nicht in ordentlichem Sinne ein Wort in der Sprache. Unsterblichkeit, dieses Wort, das hat man; Ungeburtlichkeit, Ungeborenwerden — das hat man nicht, das müßte man erst ausbilden, damit es den Menschen geläufig würde. Daran schon können Sie sehen, wie einseitig das Reden über die Unsterblichkeit auf seiten der traditionellen Bekenntnisse ist. Und warum ist das so? Ja, es ist doch ganz anders, wenn man zu den Menschen sprechen soll davon, daß sie ihr jetziges Leben, das sie von der Geburt an geführt haben und weiter führen bis zum Tode, als die Fortsetzung eines geistigen Lebens betrachten sollen, wie sie betrachten wollen das geistige Leben nach dem Tode als eine Fortsetzung dieses Erdenlebens. Denn für die Menschen ist es schon einmal so: Zu erfahren von dem nachtodlichen Leben ist für sie in gewissem Sinne ein Genuß; zu erfahren von dem vorgeburtlichen Leben ist nicht in gleichem Sinne ein Genuß, denn dasjenige, was uns Menschen geworden ist durch die Geburt, das haben wir, das besitzen wir; das begehren wir also nicht. So kann nicht durch die Aufstachelung einer Begierde von dem Ewigen vor der Geburt gesprochen werden, und so muß man erst, wenn man von diesem Ewigen vor der Geburt sprechen will, in dem Menschen den Trieb anregen, auf so etwas überhaupt hinzusehen, für so etwas sich erkenntnisbereit zu erklären.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zwolfter Vortrag","site_heading":null,"date":"1920-07-09","location":null,"word_count":640,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/198/1920-07-09/p004","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/198/1920-07-09/p004"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/198/1920-07-09/p004","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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