Zwolfter Vortrag
Das hängt damit zusammen, daß in der Tat Geisteswissenschaft vor dem Erkennen voraussetzen muß ein gewisses Bereitsein. Das, was ich gestern im öffentlichen Vortrage genannt habe «intellektuelle Bescheidenheit»: sich zu fühlen den großen Erkenntnissen der Natur gegenüber wie das Kind, wenn es fühlen könnte, sich fühlen müßte mit fünf Jahren gegenüber einem Buche Goethescher Lyrik, mit dem es auch nichts anfangen kann, bevor es zu seinem Verstehen erzogen ist — so müßte sich der Mensch fühlen gegenüber der sich ausbreitenden Natur. Er kann nichts anfangen, bevor er sich vorbereitet hat, in sie einzudringen. Daher muß schon von diesem Vorbereiten in intellektueller Bescheidenheit gesprochen werden. Und wir müssen uns als Menschen innerlich bereit finden, aus uns etwas anderes zu machen, als wir sind, wenn wir noch nicht unser Inneres in die Hand genommen haben, um es weiterzubringen im seelisch-geistigen Leben. Dazu ist aber nötig, daß man auf gewisse Dinge hinsieht, auf die man in dem allgemeinen Weltenschlaf, dem man sich hingibt, doch eigentlich gar nicht hinsehen möchte.
Cite:
GA 198/1920-07-09/p005 · edition original