Zwolfter Vortrag
So rankt sich allmählich der Geisteswissenschafter dazu auf, in dem Denken die Erbschaft zu sehen des Lebens, das er verbracht hat zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt. Was ist da eigentlich abgestreift worden seit dem letzten Leben? Abgestreift worden ist ganz und gar die begierdemäßige Beziehung zur Umwelt, denn indem wir mit unserem Erkennen denkend die Welt auffassen, sind wir ja ohne Begierde. Das ist das Eigentümliche des Erkennens, daß eine Begierde dieses Erkennen nicht durchdringt. Daher muß der Mensch zum Erkennen erzogen werden. Er muß erst darauf hingeführt werden, das Erkennen zu gebrauchen. Denn im Grunde genommen begehrt er zunächst nach den Dingen nicht, die ihm durch das Erkennen werden. Aber Geisteswissenschaft zeigt uns da auf diesem Gebiete doch etwas anderes. Sie zeigt uns, indem wir das Erkennen, das denkende Erkennen haben, daß wir ein ganz unnützes Glied haben für die sinnliche Welt, daß also dieses Denken in uns Menschen zu etwas anderem da sein muß als zum bloßen sinnlichen Leben, und daß wir dieses Denken mißbrauchen, wenn wir es unangewendet lassen, wenn wir es nicht anwenden, um einzudringen nicht bloß in das Sinnliche, sondern in das Übersinnliche. Wir haben das Denken als ein Geschenk, als eine Erbschaft des Übersinnlichen und müssen erkennen, daß wir es auch zur Aneignung des Übersinnlichen anwenden müssen.
Cite:
GA 198/1920-07-09/p008 · edition original