Zwolfter Vortrag
Man braucht sich nur einmal hypothetisch vorzustellen, was es hieße, seine Gedanken für sich allein haben zu müssen, niemanden zu finden, dem man die Gedanken mitteilen könnte! Aber das ist ganz gewiß für die meisten Menschen ein Bedürfnis, das für die Gedankenwelt allein dasteht. Bei anderen Besitztümern gilt es für die meisten Menschen nicht, und wenn man auch wirklich Menschen findet, die gerne von anderen Besitztümern geben, ebensogern vielleicht geben - das «ebensogern» ist wirklich zuviel gesagt -, von seinen Gedanken gibt jeder reichlich gern, von seinen anderen Besitztümern gibt er nicht immer so reichlich gern; das ist ja immerhin bekannt! Aber es gibt Menschen, die wirklich gern geben. Aber dann muß man dieses Gerngeben auch ein wenig analysieren, und dann wird man sich klar darüber, daß dieses Gerngeben doch wieder zusammenhängt mit dem Denken. Der Gedanke: Was wird der andere über dich denken, welche Gemeinsamkeit wird sich herausbilden, wenn du ihm gibst —, das ist etwas, das sehr stark das Geben von anderen Gütern beeinflußt, so daß auch beim Schenken oder für einen anderen Arbeiten sehr stark das Mitteilungsbedürfnis mitlebt. Das Streben nach Gemeinsamkeit im Denken, das ist es, was da mitspielt.
Cite:
GA 198/1920-07-09/p010 · edition original