Zwolfter Vortrag
Auf der einen Seite haben Sie die geistige Welt mit ganz anderen Eigenschaften als die Welt, die wir auf der anderen Seite haben, die Welt des wirtschaftlichen Lebens: Die Welt der Geistigkeit habe ich Ihnen charakterisiert, indem ich Ihnen gezeigt habe, wie sie hereingetragen wird aus unserem vorgeburtlichen Leben; die Welt des wirtschaftlichen Lebens wird ausgebildet, kann aber von den einzelnen Menschen nicht vollkommen ausgebildet werden, sondern nur im Zusammenleben mit anderen Menschen, in Assoziation, die eigentlich hauptsächlich sich auf die Begierde erstreckt, bei der die Weisheit gar nicht in einem Menschen das Begehrte umfaßt. Diese völlig andere Welt, wir wollen sie im dreigliedrigen Organismus eben wirklich in der richtigen Weise mit der anderen Welt in Beziehung bringen. Aber wir können hinschauen auf diese beiden Welten, und etwas wird sich uns klarmachen, was wir heute im Beginn unserer Betrachtungen angeführt haben. Zu der Begierde spricht dasjenige, was im wirtschaftlichen Leben, im äußeren Leben überhaupt vorhanden ist. An das wenden sich aber auch die traditionellen Bekenntnisse; sie wenden sich an die Begierde. Sie wenden sich also an dasjenige, was dem Egoismus der Menschen unterliegt. Sie stacheln den Egoismus auf, um die Menschen empfänglich zu machen für die Unsterblichkeitsidee. Unsere Geisteswissenschaft will etwas anderes. Sie will nicht den Egoismus der Menschen aufstacheln, um zur Unsterblichkeitsidee zu kommen, sondern sie will dasjenige, was der Mensch durch die Geburt hereinträgt aus seinem Ungeburtlichen, das will sie im Menschen ausbilden. Sie will zu dem sprechen, was im Menschen von der Begierde absteht, was nicht dem menschlichen Egoismus unterliegt. Sie will zu der menschlichen Erkenntnis sprechen, nicht zu dem menschlichen Begehren, von der unsterblichen oder ungeborenen Menschenseele. Sie will also zu dem Reinsten im Menschen sprechen, zu der lichtvollen Erkenntnis, und möchte, daß die Menschen auf diesem Wege durch die lichtvolle Erkenntnis sich aufschwingen zum Ergreifen des Ewigen in der Menschennatur. Dadurch wird aber in das Leben überhaupt ein neues Element hereingebracht. Dadurch erscheint uns dieses Erdenleben als eine Fortsetzung des vorgeburtlichen Lebens. Dann aber wird das Erdenleben von einem Elemente der Verantwortlichkeit durchzogen, das es sonst nicht hat. Man wird dann aufmerksam darauf, daß man aus höheren Welten in dieses Erdenleben hereingeschickt wird, und daß man in diesem Erdenleben eine Mission zu erfüllen hat.
Cite:
GA 198/1920-07-09/p023 · edition original