Zwolfter Vortrag
Man kann gewiß sagen, wenn man sich die wissenschaftliche Fragestellung der Gegenwart angewöhnt hat, es sei gar nicht nötig, nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Man lebt halt und fragt nicht nach dem Sinn des Lebens. Aber gewiß, man brauchte nicht nach dem Sinn des Lebens zu fragen, wenn man die Sache so einfach legt, daß man eben nur aus Willkür nach dem Sinn des Lebens fragt. Man fragt nach dem Sinn des Lebens gar nicht aus Willkür, sondern wenn man merkt, oder merken müßte, daß man einen Sinn des Lebens nicht finden kann, dann wird das Leben sinnlos. Nicht nach dem Sinn des Lebens fragen heißt zugleich, den Unsinn des Lebens konstatieren. Das ist das Wichtige. Das ist ein Unterschied, ob man bloß aus der menschlichen Willkür heraus nach dem Sinn des Lebens fragt, oder ob man sich klar ist darüber, daß nicht nach dem Sinn des Lebens fragen hieße, das Leben als Unsinn konstatieren. Das aber heißt, den Geist als solchen leugnen, und wer nicht nach dem Sinn des Lebens fragt, der leugnet den Geist. Nur von diesem Gesichtspunkte aus fällt dann auch auf den wirklichen Sinn des Lebens ein entsprechendes Licht, und wir können uns dann sagen: Dieses Leben hat einen Sinn, weil das Übersinnliche dieses sinnliche Leben zu seiner Ergänzung braucht. Daraus aber werden Sie sehen, wie unendlich falsch die Welt gegenwärtig denkt, da sie aus der Erziehung der zivilisierten Menschheit heraus, die in den letzten drei bis vier Jahrhunderten stattgefunden hat, ein soziales Dasein begründen will, in dem die Menschen zwischen Geburt und Tod eigentlich alle restlos glücklich sein möchten, restlos alles erleben möchten, was nur erlebt werden kann.
Cite:
GA 198/1920-07-09/p026 · edition original