Zwolfter Vortrag

GA 198/1920-07-09/p030 ·1920-07-09 · original (original)
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Wenn wir oftmals die Entwickelung dieser unserer gegenwärtigen Kultur miteinander betrachtet haben, so mußten wir sagen: Der Materialismus geht in der Mitte des 15. Jahrhunderts allmählich auf, nimmt die Geister gefangen und erreicht in der Gegenwart seine Kulmination. Vorher waren andere Seelenempfindungen der Kultur zugrunde liegend, jener Kulturperiode, welche begann im 8. Jahrhundert vor der Entstehung des Christentums und etwa in der Mitte des 15. Jahrhunderts geendet hat und die wir die griechisch-lateinische Kulturperiode nennen. Dann gehen wir weiter zurück in die ägyptisch-chaldäische, in die urpersische, urindische Zeit, bis wir zur atlantischen Katastrophe kommen. Wenn wir uns diese Kulturströmungen vergegenwärtigen, können wir sagen, wir haben also eine urindische Kultur, eine urpersische, eine ägyptisch-chaldäische, eine griechisch-lateinische, dann die unsrige, die in der Mitte des 15. Jahrhunderts beginnt. Es ist nicht so, daß wir mit einem solchen schematischen Gleichsetzen der einzelnen aufeinanderfolgenden Kulturen auskommen, sondern wenn wir zurückblicken in die älteren Kulturen — es sind eigentlich nur von der dritten nachatlantischen Kultur an schriftliche Dokumente vorhanden, auf die früheren können wir nur mit Hilfe der Akasha-Chronik zurückblicken —, so bekommen wir allmählich gerade dadurch, daß wir uns selber wiederum die geistige Welt erobern, die große Ehrfurcht vor den Urkulturen. Wenn heute die äußeren Gelehrten in der Archäologie, in der Anthropologie und so weiter die Urkunden über ältere Kulturen sammeln, so ist mit dem, was dadurch aufgebracht wird, wenig Verständnis verknüpft. Diese Urkunden werden in äußerlicher Weise behandelt. Wenn man aber nach und nach sich selber durch die geisteswissenschaftlichen Methoden in die geistige Welt hineinarbeitet, kann man neuerdings wiederum etwas erkennen lernen von den Geheimnissen der geistigen Welt, und dann zurückblicken auf die früheren Kulturen. Dann erscheinen sie einem in anderem Lichte; dann sagt man sich: Zwar haben diese älteren Völker eine atavistische Art des Sehens gehabt, eine instinktivere Art des Sehens. Wir müssen uns durchringen, damit wir überhaupt an die geistige Welt herankommen, zu einem Bewußtsein von der geistigen Welt. Die alten Völker hatten nicht ein so deutliches Bewußtsein davon, aber ein mythisierendes Sich-Hinaufleben. Aber dann, wenn man sieht, was der Niederschlag ist von diesem atavistischen, von diesem instinktiven Eindringen in die geistige Welt, der Niederschlag in den Veden, in der Vedantaphilosophie, in den persischen, selbst in den chinesischen Urkunden, dann bekommt man die große Ehrfurcht, auch wenn man noch nicht auf die Mysterienkultur eingeht, die große Ehrfurcht vor dem, was der Menschheit einmal als Urweisheit gegeben worden ist und was eigentlich immer mehr und mehr abgenommen hat. Je weiter wir zurückgehen, desto mehr erweisen sich die Menschheitskulturen durchtränkt von Geistigem, wenn es auch eine erahnte Geistigkeit war, eine instinktive Geistigkeit. Dann glimmt die Geistigkeit ab, versiegt nach und nach, und am meisten versiegt ist sie in unserem fünften nachatlantischen Zeitalter, das mit der Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen hat.

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Cite: GA 198/1920-07-09/p030 · edition original