Zwolfter Vortrag

GA 198/1920-07-09/p031 ·1920-07-09 · original (original)
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Nun denken Sie sich jemand, der nichts weiß von dieser Geisteswissenschaft, der auch im Ernste nichts wissen will von dieser Geisteswissenschaft, der tritt an die gegenwärtige Kultur des Abendlandes heran, schaut sie an, aber er schaut sie unbefangen an, ohne rhetorische Floskeln und phrasenhafte Deklamationen. Er schaut sie als ein Kenner an, aber er sieht nicht, daß dasjenige, was einmal da war, die Urweisheit der göttlich-geistigen Wesen war, die nach und nach versiegt ist, sondern er sieht nur dasjenige, was da jetzt ist. Er sieht sie an, so wie man gewohnt worden ist, die Dinge anzusehen; er sieht sie an in gewissem Sinne mit dem Blicke des Naturwissenschafters, sieht also auch die Kultur an mit dem Blicke des Naturwissenschafters. Da haben Sie diese abendländische Zivilisation, aber etwas, was aufgegangen ist so, wie die früheren Zivilisationen, und weggeht wie die früheren Zivilisationen. Die Analogie fällt ihm auf mit dem Geborenwerden des äußeren physischen Menschen, mit dem Reifwerden des äußeren physischen Menschen, mit dem Absterben des äußeren physischen Menschen. Das wird der sagen, während wir sagen: Da war nicht nur früher einmal vorhanden diese Urkultur, sondern da war vorhanden eine Urweisheit, nur kam sie immer tiefer herunter, und jetzt in der letzten Kulturperiode ist sie mehr oder weniger versiegt. Aber wenn wir weiterkommen wollen, so müssen wir an das Innere der Menschen appellieren. Dann muß hervorgeholt werden ein neuer Impuls der Geistigkeit, damit wieder angefacht werden kann dasjenige, was in unserer Kultur verschwunden ist: die geistige Weisheit des Menschen. Da muß ein neuer Impuls kommen, ein neuer Aufstieg. Aber der kann nur kommen, indem wir in unser eigenes Innere hinuntersteigen, indem wir den Geist wiederum da herholen. - Wer von alledem nichts weiß, wie betrachtet der die abendländische Kultur? Wer sich nicht diesen geisteswissenschaftlichen Blick angeeignet hat, sondern nur den naturwissenschaftlichen Blick, der wird glauben: Nun ja, wie ein organisches Wesen geboren wird, reift, alt wird, wieder vergeht, so vergehen, entstehen Kulturen nacheinander. — Er wird unsere abendländische Kultur sehen, wird sie vergleichen mit den anderen und wird ausrechnen können, wie lange sie noch dauert bis zu ihrem vollständigen Tode. Weil er aber nicht sieht, daß in dem Menschen selber wieder etwas entstehen müsse, was versiegt ist, so hat er keine Hoffnung. Er sieht keine Aufgangselemente in der Kultur; er redet nur vom Sterben.

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Cite: GA 198/1920-07-09/p031 · edition original