Zwolfter Vortrag
Ein solcher Mensch ist heute nicht mehr Hypothese, denn er ist bereits in allerbedeutsamster Weise da in Oswald Spengler, der ein Buch geschrieben hat über den «Untergang des Abendlandes», der abendländischen Zivilisation. Da haben Sie einen Menschen, der, man kann sagen, zwölf bis fünfzehn gegenwärtige Wissenschaften vollständig beherrscht, der mit dem Blick des Naturforschers die gegenwärtige Zivilisation anschaut, und der nichts weiß von dem, daß einstmals eine Urweisheit da war und versiegt ist, daß jetzt aus dem Inneren des Menschen heraus der Quell des Aufstieges gesucht werden muß, der daher nur den Niedergang sieht und für das 3. Jahrtausend mit einer großen Genialität voraussagt. Das Buch ist mit einer großen Genialität geschrieben. Man kann sagen, zu dem, was wir erleben, daß wir überall den Niedergang sehen, ist nun auch noch der Gelehrte aufgetreten, der beweist, daß dieser Niedergang kommen muß, daß diese abendländische Kultur trostlos sterben muß. Den bitteren Eindruck von dem habe ich mitgebracht, als ich wieder herüberkam aus Deutschland, denn dort hat unter der Jugend dieses Buch Oswald Spenglers den allerbedeutsamsten Eindruck gemacht. Und diejenigen, die noch denken, die denken unter dem Eindruck des Beweises, der jetzt auch vorhanden ist, daß die Barbarei sich ausbreiten muß und da sein muß bis zum Beginn des dritten Jahrtausends innerhalb des Abendlandes und seines amerikanischen Anhanges; denn das ist bewiesen, mit denselben Mitteln streng bewiesen, mit denen die naturwissenschaftlichen Tatsachen streng bewiesen sind, von einem Menschen, der zwölf bis fünfzehn gegenwärtige Wissenschaften beherrscht.
Cite:
GA 198/1920-07-09/p032 · edition original