Zwolfter Vortrag

GA 198/1920-07-09/p035 ·1920-07-09 · original (original)
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Ich versuchte neulich in Stuttgart in einem öffentlichen Vortrage vor einer größeren Zuhörerschaft zu charakterisieren, wie die Zusammenhänge sind, die in den Leninismus, in den Trotzkismus hineinführen, und ich suchte, rang nach Worten, die ausdrücken, was da herrschte in den Gemütern, als der Übergang gesucht wurde zwischen dem alten bourgeoisen Leben und dem Leninismus, dem Trotzkismus. Ich versuchte, auf diese Instinkte hinzuweisen, auf die ich Sie heute in einer mehr geisteswissenschaftlichen Art hingewiesen habe. Und wahrhaftig, aus einem Ringen nach einem Ausdruck ergab sich mir eben der Ausdruck: Leninismus, Trotzkismus fließt aus «perversen» Instinkten heraus. Ich konnte einen anderen Ausdruck nicht finden. Nach dem Vortrage sprach mich gerade ein Arzt an, der offenbar kommunistisch dachte, der tief verletzt war von diesem Ausdruck. Natürlich, der Arzt, der solche Ausdrücke mit einer ganz anderen Gewichtigkeit nimmt als die übrige Welt heute, die zu sehr an die Feuilletonliteratur und an die Belletristik gewöhnt ist, der Arzt, der empfindet das ganze Gewicht des Ausdruckes «perverse Instinkte» im politischen Leben. Der fühlte sich verletzt und sagte, wie man einen solchen Ausdruck gebrauchen könne. Er wisse, für welche pathologischen Abnormitäten man einen solchen Ausdruck anwende. Aber nach einiger Zeit hatte ich den Herrn doch so weit gebracht, daß er mir sagte: Also ich sehe, Sie meinten das, was Sie sagten, nicht belletristisch, nicht feuilletonistisch; dann ist die Sache was anderes. — Das ist nötig heute, um sich überhaupt erst zu verstehen, daß jemand empfinden lernt: Es gibt ein Ringen nach dem Ausdrucke, es gibt eine Notwendigkeit, erst nach dem Worte zu suchen, während das ganze öffentliche Leben die Worte leicht herbeifließen läßt, aber diese Worte sind dann eben so, daß es im Grunde genommen nach dem Gebrauch, den man heute von den Worten macht, wie eine Frivolität aussieht, wenn man in einem solchen Zusammenhange so starke Worte gebraucht wie «pervers».

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Cite: GA 198/1920-07-09/p035 · edition original