Zwolfter Vortrag
Aber es wird uns nicht ein richtiges Durchschauen des Vorgeburtlichen, wenn wir nicht das Vorgeburtliche und das Nachtodliche im rechten Sinne zu verbinden wissen. Und das tun wir ja lediglich in der Geisteswissenschaft. Denn wenn wir im rechten Sinne verstehen, wie wir das Leben zwischen dem letzten Tode und einer neuen Geburt verbringen, und wiederum zwischen diesem Tode und einer späteren Geburt, dann schließt sich uns Vorgeburtliches und Nachtodliches zusammen zu der Erkenntnis der wiederholten Erdenleben, dann wird diese Überzeugung von den wiederholten Erdenleben eine selbstverständliche Entwickelungswahrheit. Die wiederholten Erdenleben tragen eben das Geheimnis der Präexistenz in sich, jenes Geheimnis der Präexistenz, welches die Bekenntnisse gerade so gern ausmerzen möchten, wovon sie nicht reden möchten. Die Urweisheit der Menschen hat gesprochen von dieser Präexistenz. Verlorengegangen ist erst während des Mittelalters durch die Aufnahme des Aristotelismus diese Lehre von der Präexistenz. Aber wie ein mit dem Christentum zusammenhängendes Dogma betrachten heute die christlichen Bekenntnisse die Ablehnung des vorgeburtlichen Lebens. Diese Ablehnung hat mit dem Christentum nichts zu tun, sie hat nur mit der Philosophie des Aristoteles zu tun. Mit dem Christentum selbst ist jene Idee der Unsterblichkeit durchaus vereinbar, von der wir hier auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft sprechen.
Cite:
GA 198/1920-07-09/p037 · edition original