Zwolfter Vortrag

GA 198/1920-07-09/p038 ·1920-07-09 · original (original)
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Nicht eher wird es besser in bezug auf die allgemeine Menschheitskultur, bis die Menschen auch im sozialen Leben zu Taten kommen, die beherrscht sind von dieser Idee der Präexistenz. Ehrlich ist man heute innerhalb der Gegenwartskultur nur, wenn man wie Oswald Spengler spricht von einem Niedergang des Abendlandes, insofern man nichts weiß von Geisteswissenschaft, oder nichts davon wissen will. Denn berechtigt von einem Aufstieg zu sprechen ist nur derjenige, der dem im menschlichen Willen wirksamen Geiste die Macht dieses Aufstieges und die Kraft dieses Aufstieges zuschreibt, der nun wirklich aus innerster Überzeugung sagt: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Dann aber muß man auch diesen Christus in die Unsterblichkeitsidee aufnehmen; dann muß man tatsächlich appellieren an die Wandelung der menschlichen Natur, an die Durchchristung der menschlichen Natur, nicht bloß an das heidnische Aufnehmen der Gottesidee in das Bekenntnis, ohne daß der Mensch sich gewandelt hat. Mehr als man denkt, ist zusammenhängend mit dem Niedergang des Abendlandes, daß man es in weitesten Kreisen des evangelischen Bekenntnisses hingenommen hat, daß der Theologe Harnack sagen konnte: Nur der Vatergott gehört in das Evangelium Jesu, nicht der Christus, denn Jesus hat nur vom Vatergott gelehrt, und es ist erst später eingezogen in das Christentum, den Christus selber als ein göttliches Wesen anzuschauen. — Das ist heutige modernste T’heologie: den Christus Jesus auszuschalten aus dem Christentum. Wir Geisteswissenschafter müssen ihn wieder einschalten. Wir müssen erkennen, wie er sich hineinstellt in die Menschheitsgeschichte, wir müssen die Kulturepochen mit dem Christus durchdringen. Dann werden sie nicht bloß dasjenige, was sie im Spenglerschen Geiste sind, sondern dann werden sie für unsere Zeit etwas, was uns lehrt: Wir brauchen eine Naissance, nicht bloß eine Renaissance, wir brauchen die Neugeburt des Geistes. Dieses Bewußtsein macht eigentlich den Anthroposophen, nicht die Aufnahme von einzelnen Lehren, sondern dieses Bewußtsein, daß wir berufen sind, in unserer Zeit nicht bloß in eine Neugeburt, sondern in eine Geburt eines geistigen Elementes einzutreten. Je mehr wir uns dessen bewußt werden, desto bessere Bekenner der anthroposophisch orientierten Weltanschauung werden wir. Aber um uns dessen bewußt zu werden, ist eben notwendig, daß man sich durch die Lektüre desjenigen, was geboten worden ist, und durch innere geistige Versenkung in dieses Gebotene und Geratene, daß man sich dadurch konkret einlebt in die anthroposophische Denkweise. Sich einleben in die anthroposophische Denkweise bedeutet zugleich alles andere, was aus dem Schoße unseres Bewußtseins auftreten soll. Die Dreigliederung ist nichts anderes als ein Zweig an dem Baume der Anthroposophie.

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Cite: GA 198/1920-07-09/p038 · edition original