Dreizehnter Vortrag
Ich möchte heute davon sprechen, wie der Mensch sich zunächst in der Welt zwischen zwei Extreme in seinem inneren Erleben hineingestellt findet. Wir wollen uns heute zunächst bei dem innerlichen Erleben des Menschen aufhalten. Auf der einen Seite erlebt der Mensch die Ideenwelt, allein er erlebt sie so, daß gerade, je mehr er sich in diese Ideenwelt hineinlebt, sie ihm um so abstrakter, um so kälter erscheint. Der Mensch fühlt, wenn er sich zu den Ideen erhebt, wie er innerlich nicht warm werden kann. Er fühlt aber noch etwas ganz anderes. Er fühlt, daß er in diesen Ideen, die ja dann auch zu Naturgesetzen, zu Weltgesetzen erweitert werden, etwas hat, was als Idee nicht eine Realität einschließt, was als Idee im Grunde genommen bloß Bild ist. Daher fühlt sich der Mensch der Ideenwelt gegenüber nicht so, daß er, sagen wir, seine eigene Existenz irgendwie erkennend einpflanzen möchte in diese Ideenwelt. Der Mensch mag noch so viel bedenken und noch so gern bedenken, er bewahrt nach und nach auch bei der vollkommenst ausgesponnenen Philosophie das Gefühl, daß sich Beweise für sein reales Dasein im Weltenall aus der Ideenwelt nicht holen lassen. Die Ideen haben etwas gleichsam Wurzelloses, so wie sie erlebt werden im gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod. Das ist das eine, gewissermaßen der eine Pol des äußeren Erlebens im gewöhnlichen Dasein: die abstrakten, die nüchternen, kalten Ideen, in denen man nicht verankern kann, auch nicht verankern möchte die Realität der eigentlichen menschlichen Wesenheit. Und schließlich ist die neuere Menschheit doch nicht warm geworden bei dem Satze des Cartesius: Ich denke, also bin ich - cogito, ergo sum -, weil, wenn noch so viel gedacht wird, der Mensch eben fühlt: Aus dem Denken läßt sich zunächst nicht herausholen irgendein Sein.
Cite:
GA 198/1920-07-10/p004 · edition original