{"corpus":"steiner","locus":"GA 199/1920-08-14/p011","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Es sind nur einzelne mutige Geister gewesen, welche sich gegen so etwas aufgebäumt haben. Einen habe ich als typisches Beispiel öfters vor Ihnen angeführt, Herman Grimm, der ja gesagt hat: Von einem Nebelzustand, von derKant-Laplaceschen Nebelessenz im Beginne des Erdendaseins oder des Weltendaseins spricht man; da soll sich durch rein natürliche Vorgänge alles herausgeballt haben, was auf unserer Erde ist, inbegriffen der Mensch. Und dann soll sich das umwandeln, bis es zuletzt als Schlacke wiederum in die Sonne zurückfällt. Herman Grimm meint, ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund herumläuft, sei ein appetitlicherer Anblick als diese Kant-Laplacesche Theorie vom Weltendasein, und es würde künftigen Zeiten schwer sein, kulturhistorisch zu erhärten, wie es hat sein können, daß das 19. und 20. Jahrhundert von dieser Krankheit, so etwas zu denken, hat ergriffen werden können. Einzelne mutige Geister, wie gesagt, haben sich aufgelehnt gegen diese Dinge. Aber diese Dinge werden heute so gelehrt, daß man von demjenigen, der dagegen etwas einwendet, wenn es ein Herman Grimm ist, sagt: Nun ja, ein Kunstgelehrter braucht ja von der Naturwissenschaft nichts zu verstehen. —- Und wenn es ein anderer sagt, der von der Naturwissenschaft etwas verstehen will, so hält man ihn für einen Narren. Derlei Dinge gelten heute für selbstverständlich, und die wenigsten Menschen empfinden, welche Bedeutung dieses Selbstverständlichsein eigentlich hat. Wenn diese Anschauung auch nur ein Atom Richtigkeit hat, dann hat alles Reden von sittlichen und religiösen Idealen keinen Sinn, dann sind sittliche und religiöse Ideale aus den Gehirnen der Menschen herausgeboren und steigen auf wie Blasen — die sozialdemokratischen Theoretiker nennen sie eine Ideologie, um die Menschen zu äffen -, die sich ja nur herausgeballt haben aus den Verwandlungen des Stoffes und die verschwinden werden, wenn unsere Erde in ihrem Endzustand angelangt ist. Alles, was wir uns vorstellen an sittlichen, an religiösen Idealen, ist lediglich Schaumblase dann. Denn die Realität, welche die naturwissenschaftliche Weltanschauung fordert, ist so geartet, daß sie gar nicht eine sittliche oder religiöse Weltanschauung zuläßt, wenn man diese naturwissenschaftliche Weltanschauung so hinnimmt, wie sie von der Mehrzahl der Menschen geglaubt wird. Daher handelt es sich darum, daß die Zeit, die heute reif ist auf der einen Seite, dringend notwendig macht auf der andern Seite, daß aus ganz andern Quellen heraus, als die heutige Bildung sie hat, eine Weltanschauung geholt werde.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Vierter Vortrag","site_heading":null,"date":"1920-08-14","location":null,"word_count":379,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/199/1920-08-14/p011","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/199/1920-08-14/p011"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/199/1920-08-14/p011","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}