Vierter Vortrag
Auf dieser Bahn der Naturalisierung, der Materialisierung würde das Christentum zweifellos fortschreiten, wenn ein geisteswissenschaftlicher Einschlag für dasselbe nicht kommen würde. Aus dem, was von altersher die Menschheit überkommen hat, kann sie in ehrlichem Sinne keinen Begriff aufbringen über die Vereinigung der göttlichen und der menschlichen Natur in dem Christus Jesus. Dazu ist die Eröffnung neuer Quellen geistiger Wissenschaft notwendig. Und diese Eröffnung brauchen wir für das religiöse Leben; diese Eröffnung, wir brauchen sie aber auch für die von den Zeitereignissen geforderte Neugestaltung der sozialen Verhältnisse innerhalb unserer Zivilisation. Und wir brauchen vor allen Dingen eine völlige Neugestaltung der Wissenschaft, eine Durchdringung aller Wissenschaften mit geisteswissenschaftlichen Quellen. Ohne diese geht es nicht weiter. Und derjenige, der glaubt, man brauche sich nicht zu kümmern um den Gang des religiösen Lebens, um den Gang des sozialen Lebens, um den Gang der öffentlichen Ereignisse über die zivilisierte Welt hin, um den Gang der wissenschaftlichen Leistungen, wer da glaubt, man könne in sektiererischer Abgeschlossenheit Anthroposophie treiben vor irgendeinem zusammengewürfelten Kreis, der sich dann als eine Summe von Fremdlingen innerhalb dieser Welt ausnimmt, der ist eben durchaus in einem schweren Irrtum befangen.
Cite:
GA 199/1920-08-14/p015 · edition original