Vierter Vortrag
Und diese zwei Dinge, dieses Streben der Menschheit und dieses Herausschaffen einer Initiationsweisheit, beleuchtet mit dem Lichte der Freiheit, diese zwei Dinge müssen zusammenkommen. Sie müssen zusammenkommen auf allen Gebieten. Daher darf man heute nicht aus allen möglichen alten Untergründen heraus über die soziale Frage reden. Man kann heute über sie nur dann reden, wenn man sie im Lichte der Geisteswissenschaft betrachtet. Das wird gerade der heutigen Menschheit so schwer. Warum? — Ja, die Menschheit strebt nach Freiheit, nach Freiheit der einzelnen Individualität, und mit Recht strebt sie darnach. Ich sage durchaus: mit Recht. Die Menschen können nicht mehr im Sinne des alten Gruppensystems mit den Gruppenseelen wirken. Die Menschen müssen Individualitäten bilden. Aber dieses Streben, Individualitäten zu bilden, das scheint zu widersprechen dem Hinhorchen auf das, was aus der Initiationswissenschaft kommt und was ja selbstverständlich zunächst durch einzelne Individuen kommen muß. Der alte Initiierte hatte Mittel und Wege, sich seine Schüler auszusuchen, seinen Schülern die Initiationsweisheit zu übertragen und auch Anerkennung für sie zu schaffen und Anerkennung für sich und seine Mysterienstätte. Der moderne Initiierte kann das nicht haben, denn es würde notwendig machen, daß man aus gewissen Kräften und Impulsen der Gruppenseelenhaftigkeit heraus wirke, und das geht heute nicht. So steht heute die Menschheit da; jeder möchte von dem Standpunkte aus, auf dem er gerade steht, eine Individualität werden. Da will er selbstverständlich nicht auf das hören, was da durch Menschen als Initiationswissenschaft kommt. Aber ehe nicht die Menschen einsehen, daß sie nur gerade dadurch Individualitäten werden können, daß sie wiederum durch andere menschliche Individualitäten den Inhalt der Initiationswissenschaft aufnehmen, eher kann es nicht besser werden. Das hängt nicht nur zusammen mit einzelnen Weltanschauungsfragen, das hängt zusammen mit dem Grundcharakter unseres ganzen Zeitalters und mit den Auswirkungen dieses Zeitalters auf geistigem, auf staatlichem und wirtschaftlichem Gebiete. Nach Freiheit dürstet die Menschheit. Von Freiheit möchte die Initiationswissenschaft sprechen. Wir sind aber im gegenwärtigen Entwickelungsstadium der Menschheit eigentlich erst da angekommen, wo Freiheit durch den gesunden Menschenverstand wirklich begriffen werden kann. Heute muß man manches einsehen, was Sie aus unserer anthroposophischen Literatur entnehmen können und was ich hier wiederum von gewissen Gesichtspunkten aus kurz zusammenfassen möchte. Man muß heute begreifen, was für eine Art von Wesen der Mensch ist. Alles abstrakte Schwätzen von Monismus läuft gerade vorbei an dem wahren Monismus, der errungen sein will, nachdem man manches andere durchgemacht hat, den man aber nicht von vornherein als eine Weltanschauung deklamieren kann.
Cite:
GA 199/1920-08-14/p020 · edition original