Vierter Vortrag

GA 199/1920-08-14/p023 ·1920-08-14 · original (original)
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Dann haben wir unser Innenleben. Wir haben unser Wollen, unser Fühlen, unser Denken, unser Vorstellen. Wir können, wenn wir uns auf uns selbst besinnen, aufmerksam werden auf dieses Wollen, Fühlen, Denken in uns, und wir können dieses Wollen, Fühlen und Denken mit dem durchdringen, was wir unsere religiösen, unsere sittlichen und sonstigen Ideale nennen. Wir kommen da zu etwas, was man — wiederum führt das leicht zu Mißverständnissen, aber man braucht dieses Wort den seelisch-geistigen Menschen nennen kann. Man kommt nicht zurecht, wenn man nicht den Seelenblick hinwendet einerseits auf diesen geistig-seelischen Menschen, andererseits auf den physisch-körperlichen Menschen. Aber es ist notwendig, daß man, sei es durch ein wirklich unbefangenes Verfolgen der Tatsachen der Natur, sei es durch Vertiefung in die Geisteswissenschaft, es ist notwendig, daß man sich zum Bewußtsein bringe: diese physisch-körperhafte Organisation liegt eigentlich zunächst nicht vor in demjenigen, was irgendwelche menschliche Wissenschaft, wie sie heute in der exoterischen Welt existiert, umfassen kann. Wenn ich das schematisch durch eine Zeichnung klarmachen soll, so möchte ich sagen: Wenn ich alles das zusammenfasse, was menschlich-physische Organisation ist und was im Zusammenhange steht mit der ganzen Umwelt (siehe Zeichnung, rot), so geht das bis zu einem gewissen Punkte — ich will das hier durch eine Linie zeichnen -, und straff davon verschieden, trotz aller moderner dilettantischer psychologischer Einwände, straff davon verschieden ist dasjenige, was man die 'geistig-seelische Natur des Menschen nennen kann (gelb), die ihrerseits mit einer Welt des Geistig-Seelischen in Verbindung steht, mit einer Welt, die der heutigen Menschheit sehr abstrakt vorkommt, weil sie sie nur auffaßt im Sinne der abstrakt-sittlichen oder im Sinne der religiösen Ideale, die auch immer mehr und mehr zu abstrakten Vorstellungen geworden sind. Beiden Gliedern der menschlichen Natur gegenüber muß man aber sagen: Das, was man heute als Wissenschaft ansieht, das umfaßt weder die physisch-körperliche noch die geistig-seelische Natur des Menschen. Die physisch-körperliche Natur des Menschen, man kann sie nicht erkennen. Lesen Sie die Gründe, warum man sie nicht erkennen kann, in meinem kleinen Büchelchen «Durch den Geist zur Wirklichkeits-Erkenntnis der Menschenrätsel». Wenn der Mensch nämlich bei einer Innenschau sich selber durchschauen würde, das heißt, bis auf den Grund hinunterschauen würde auf das, was da im Inneren eigentlich vorgeht, dann würde er genau sehen können, was im Inneren vorgeht, in dem Sinne genau, wie die heutige Wissenschaft etwas «genau sehen» nennt. Dann würde der Mensch aber nicht das Wesen sein können, das er heute ist, denn er würde dann kein Gedächtnis haben können, er würde kein Erinnerungsvermögen haben. Indem wir die Welt anschauen, bleiben uns die Bilder der Welt als Erinnerungen, das heißt, die Welteindrücke schlagen überhaupt nur bis zu dieser Grenze hier (siehe Zeichnung, Pfeile) und da schlagen sie in die Seele zurück, und wir erinnern uns an sie. Und was da aus uns selbst in die Erinnerung zurückschlägt, das verdeckt uns das physisch-leibliche Innere des Menschen. Wir können da nicht hineinschauen, denn würden wir hineinschauen können, so wäre jeder Eindruck nur ein Augenblickseindruck. Es würde nichts als Erinnerung zurückgeworfen. Nur dadurch, daß sich diese Grenze hier verhält, wie sich ein Spiegel verhält - wir können auch nicht hinter den Spiegel schauen, sondern es werden uns die Eindrücke zurückgeworfen —, können wir nicht in unser Inneres schauen, es werden uns die Eindrücke zurückgeworfen, wenn wir nicht zur Geisteswissenschaft aufsteigen. Und würden sie nicht zurückgeworfen, so würden wir eben auch nicht im gewöhnlichen Leben die zurückgeworfenen Eindrücke der Erinnerung haben. Wir müssen als Menschen im Leben so organisiert sein, daß wir Erinnerungen haben. Dadurch aber ist uns verschlossen unsere physisch-leibliche Organisation. Wie man durch den Spiegel nicht hindurchschauen kann auf das, was hinter dem Spiegel ist, so kann man gewissermaßen nicht hinter den Erinnerungsspiegel oder unter den Erinnerungsspiegel schauen, auf das, was die leiblich-physische Organisation des Menschen ist.

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Cite: GA 199/1920-08-14/p023 · edition original