Vierter Vortrag
Auf die andere Klippe kommen diejenigen, welche nun ins Innere hineinschauen. Die bleiben meistens bei dem stehen, was sich spiegelt. Der gewöhnliche Mensch im Alltagsleben nimmt die Erinnerungswirkungen wahr, ich möchte sagen, er erinnert sich an das, was er gestern und vorgestern erlebt hat, wenn auch das Gestern und Vorgestern schon vor Jahren war. Derjenige, der nun ein Mystiker wird, treibt dann allerlei aus seinem Inneren an die Oberfläche und belegt es mit allerlei schönen mystischen Worten und Theorien. Aber es ist doch nichts anderes, als was ich hier neulich angedeutet habe, es ist nichts anderes als das Kochen und Brodeln des organischen Lebens im menschlichen Inneren. Denn durchdringt man diesen Spiegel, dann kommt man nicht zu dem, was etwa der Meister Eckhart oder Johannes Tauler in ihrer Mystik haben, sondern dann kommt man zu organischen Prozessen allerdings, von denen die Welt heute wenig ahnt. Und was noch mit so schönen mystischen Worten dargelegt wird, das verhält sich zu diesen organischen Prozessen nicht anders, als sich bei der Kerze die Flamme zu dem Brennstoff verhält: sie ist das Produkt dieser organischen Prozesse. Die Mystik eines Johannes vom Kreuz, einer Mechthild von Magdeburg, auch des Johannes Tauler und Meister Eckharts, sie sind schön, aber doch nur das, was aus dem organischen Leben heraufbrodelt und was nur deshalb in abstrakten Formen beschrieben wird, weil man nicht einsieht, wie dieses organische Leben tätig ist. Man lernt das geistige Leben nicht kennen, wenn man nicht erst dieses organische Leben kennenlernt. Der kann kein Geisteswissenschafter werden im wahren Sinne des Wortes, der das innerlich-brodelnde organische Leben in Mystik umdeutet. Gewiß, es sind schöne Worte, die da gesprochen werden. Aber man muß sich, wenn man über diese Dinge spricht, auf einen ganz andern Gesichtspunkt stellen können als den der äußeren Welt. Man muß sich eben nicht auf den menschlich hochmütigen Gesichtspunkt stellen, indem man sagt: Das innere organische Leben ist eben niederes Leben. — Es wird dadurch nicht höher, daß man seine Wirkung als Mystik bezeichnet, sondern man wird ins geistige Leben eben gerade dadurch getrieben, daß man dieses organische Leben in seinen organischen Wirkungen durchschaut, daß man: weiß, je tiefer man in die Einzelnatur des Menschen hineinsteigt, desto mehr entfernt man sich vom Geistigen, man kommt ihm nicht näher. Man kommt nur auf geisteswissenschaftliche Weise dem Geistigen näher, nicht dadurch, daß man in sich selber hineinsteigt. Wenn man in sich selber hineinsteigt, dann hat man die Aufgabe, zu untersuchen, wie durch Zusammenwirkung von Herz, Leber und Niere Mystik zustande kommt, denn das tut sie.
Cite:
GA 199/1920-08-14/p028 · edition original