Siebenter Vortrag
Will man hineinschauen in das, was die Welt des Ostens aus den Tiefen des Volkstums aufsteigen läßt, dann kann man gewahr werden — weil der Osten in bezug auf das Urelement vollständig in die Dekadenz gekommen ist und eigentlich seiner selbst nicht mehr bewußt ist, weil der Osten gerade sich überschwemmen läßt von dem, was ich als den äußersten radikalen Ausläufer des Westens charakterisiert habe -, daß man die eigentliche Grundnuance des Empfindens des Ostens nur dann finden kann, wenn man in ältere Zeiten zurückgeht und sich an ihnen belehrt. Gewiß, es ist alles das noch in der Menschheit des Ostens enthalten, was einstmals in ihr enthalten war, aber es ist heute alles übergossen. Was im Osten gelebt hat, was im Osten die Seelen durchzittert hat, das lebt in den äußersten Ausläufern zuletzt da, wo es nicht mehr verstanden wird, wo es abergläubischer Kultus geworden ist, wo es heuchlerisches Gemurmel der Popen geworden ist in dem letzten, eben orthodox-russischen Kultus, unverstanden auch von denen, die diesen orthodoxen russischen Kultus zu verstehen glaubten. Es war eine Linie vom alten Indertum bis zu diesen bloß noch auf den Lippen heuchlerisch in die Menge hineingeplärrten Formeln des russischen Kultus. Denn diese ganze Veranlagung, die sich da auslebte, die diesem Osten seelisch das Gepräge gab, die es ihm auch heute gibt, aber unterdrückt, das ist die Veranlagung dazu, eine solche geistige Verfassung zu entwickeln, welche den Menschen zu dem Vorgeburtlichen hinlenkt, zu dem, was in unserem Leben vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis liegt. Ganz ursprünglich war dasjenige, was als Weltanschauung und Religiosität diesen Osten durchdrang, so, daß es zusammenhing damit, daß dieser Osten einen Begriff hatte, der dem Westen ja ganz verlorengegangen ist. Der Westen hat, wie ich das schon einmal hier erwähnt habe, den Begriff der Unsterblichkeit, aber nicht der Ungeburtlichkeit, des Ungeborenseins. Unsterblichkeit sagen wir, aber wir sagen nicht Ungeburtlichkeit. Das heißt, wir setzen in Gedanken das Leben fort nach dem Tode, wir setzen es aber nicht fort hinaus in die vorgeburtliche Zeit. Aber dieser Osten war durch die besondere Veranlagung seiner Seele, welche noch Imagination, Inspiration in die Gedanken, in die Vorstellungen hereinnahm, dazu veranlagt, durch dieses besondere inhaltliche Ausleben der Vorstellungswelt weniger hinzusehen auf das nachtodliche Leben als vielmehr auf das vorgeburtliche, und dieses Leben hier in der Sinneswelt für den Menschen als etwas zu betrachten, was ihm zukommt, nachdem er seine Aufgaben empfangen hat vor der Geburt, was er hier auszuführen hat im Sinne der empfangenen Aufgabe. Er war dazu veranlagt, dieses Leben als die Pflicht aufzufassen desjenigen, was einem von den Göttern gegeben worden ist, bevor man in diesen irdisch-fleischlichen Leib heruntergestiegen ist. Es ist eine selbstverständliche Forderung, daß eine solche Weltanschauung die wiederholten Erdenleben und die Leben zwischen Tod und Geburt in sich einbezieht, denn man kann wohl von einem einmaligen Leben nach dem Tode reden, aber nicht von einem einmaligen vor der Geburt. Das würde eine unmögliche Lehre sein. Denn derjenige, der überhaupt redet von der Präexistenz, der redet dann nicht von nur einem Erdenleben, wie Sie bei einer rechten Überlegung sich klarmachen können. Es war ein Hinaufblicken in die übersinnliche Welt, welches durch die ganze Veranlagung dieser östlichen Seelen hervorgerufen war, aber es war ein Hinaufblicken so, daß man im Grunde genommen im Auge hatte dieses Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, bevor wir hier in das Erdenleben eingezogen sind. Alles andere, was gedacht wurde in politischer, in sozialer, in historischer Beziehung, in wirtschaftlicher Beziehung, es war nur eine Konsequenz von dem, was in der Seele ruhte in bezug auf dieses Hingeordnetsein auf das Leben vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis.
Cite:
GA 199/1920-08-21/p009 · edition original