Siebenter Vortrag
Dieses Leben aber, diese Seelenverfassung ist besonders geeignet dazu, den menschlichen Seelenblick hinaufzurichten nach dem Geistigen, zu erfüllen den Menschen mit der übersinnlichen Welt. Denn er betrachtet sich ja hier ganz und gar als ein Geschöpf der übersinnlichen Welt, als etwas, was nur das übersinnliche Leben hier durch das sinnliche Leben fortsetzt. Alles das, was dann später in die Dekadenz gekommen ist an Reichsgebilden, an sozialen Gebilden des alten Orients bis in die Konstitution hinein, ist so geworden, weil diese besondere Seelenverfassung zugrunde lag. Und heute ist diese Seelenverfassung, ich möchte sagen, überschüttet, weil sie schwach geworden ist, gelähmt geworden ist, weil sie nur, ich möchte sagen, wie aus rachitischen Seelengliedern heraus so verkündet worden ist, wie etwa durch Rabindranath Tagore, wie etwas, das in unbestimmte, nebulose Formeln ergossen wird. Heute ist man in praxi überschwemmt von dem, was als äußerster radikaler Flügel des Westens im Bolschewismus sich auslebt, und der Westen wird es zu erleben haben, daß das, was er selbst nicht haben will, sich nach dem Osten hinüber abschiebt, und daß ihm in einer gar nicht fernen Zeit von dem Osten dasjenige entgegenkommt, was er selber dorthin abgeschoben hat. Und es wird dann eine merkwürdige Selbsterkenntnis sein.
Cite:
GA 199/1920-08-21/p010 · edition original