Siebenter Vortrag
Diese äußerste Konsequenz ist heute schon zu verfolgen, nur daß die Leute niemals die Dinge im Zusammenhange sehen, sondern heute nur immer Einzelheiten sehen. Bedenken Sie, wohin es kommen muß, wenn alles wirkliche innere bewegliche Ich weg ist, also das, was gerade über den Geist in der Sinneswelt Aufklärung geben kann, aus dem Menschen herausgeweidet wird - denken Sie, wohin muß es denn zuletzt kommen? Dazu kommt es, daß der Mensch dann fühlt, er hat ja eigentlich nichts mehr vom wirklichen Inhalt der Welt. Er schaut hinaus in die Sinneswelt. Er weiß nicht, daß dasjenige wahr ist, was wir gestern gesagt haben, daß hinter der äußeren Sinneswelt geistige Wesenheiten sind. Wenn er sich Illusionen hingibt, ja, dann nimmt er draußen Atome und Moleküle an. Er träumt von Atomen und Molekülen. Wenn er sich keiner Illusion hingibt in bezug auf das Äußere, so kann er nichts anderes sagen als: Dieses ganze Äußere enthält ja keine Wahrheit. Es ist ja eigentlich nichts. — Aber innerlich hat er nichts gefunden. Er ist leer. Er muß sich selber suggerieren, daß irgend etwas in seinem Inneren ist. Er hat den Geist nicht, daher suggeriert er sich den Geist. Er bildet sich die Suggestion des Geistes. Und er ist nicht imstande, diese Suggestion aufrechtzuerhalten, wenn er nicht mit aller Schärfe abweist die Realität der Materie. Das heißt, er lebt sich vollständig ein in eine Weltanschauung, die den Geist nicht erkennt, sondern sich ihn suggeriert, sich bloß den Glauben an den Geist einsuggeriert und die Materie ableugnet. Sie haben den äußersten Ausläufer im Westen, Sie haben das Gegenbild dessen, was ich Ihnen im Osten eben charakterisiert habe, in der Christian Science der Mrs. Eddy. Sie mußte entstehen als die letzte Konsequenz solcher Anschauungen, wie die von Locke oder David Hume oder von John Stuart Mill. Es ist die Anschauung, die aber auch die letzte Konsequenz desjenigen ist, was heraufgezogen ist in der neueren Zeit in der unseligen Gliederung des ganzen menschlichen Seelenlebens in das Wissen und in den Glauben.
Cite:
GA 199/1920-08-21/p015 · edition original