Siebenter Vortrag
Aber diese Anschauung des Westens, sie hat doch Qualitäten, sie hat bedeutende Qualitäten. Sie hat die Qualitäten, die wir am besten erkennen, wenn wir sie kontrastieren mit dem, was die Qualitäten des Ostens sind. Blicken wir zurück auf diejenigen Zeiten, wo die Qualitäten des Ostens besonders hervorgetreten sind, so waren es die Qualitäten, die zunächst das vorgeburtliche Leben ins Auge fassen konnten, ins Seelenauge fassen konnten, die also besonders auch geeignet sind, dasjenige eigentlich zu konstituieren, was in einem sozialen Organismus die geistige Welt sein kann, das geistige Glied sein kann. Im Grunde genommen ist alles, was wir in Mitteleuropa und im Westen aufgebracht haben, in einer gewissen Weise Erbgut des Ostens. Ich habe ja das schon einmal bei einer andern Gelegenheit erwähnt. Dieser Osten war besonders dazu veranlagt, das geistige Leben zu kultivieren. Der Westen ist ja besonders dazu veranlagt, Gedankenformen auszubilden; ich habe sie jetzt in einem etwas unvorteilhaften Lichte geschildert. Sie sind aber auch in einem vorteilhaften Lichte zu schildern, wenn man nämlich dasjenige, was von Baco von Verulam, von Buckle, von Mill, Thomas Reid, von Locke, von Hume, von Adam Smith, von Spencer oder von ähnlichen Geistern herrührt, Bentham zum Beispiel, wenn man all das nimmt und sich auf der einen Seite gesteht: Ja, das ist ja ganz gewiß nicht geeignet, durch Imagination oder Inspiration in eine geistige Welt einzudringen, die das vorgeburtliche Leben begreift. Aber andererseits muß man sagen, gerade wenn man studiert, wie eingedrungen ist diese Denkweise in unsere Wissenschaft des Abendlandes, wie sie lebt in unserer Wissenschaft des Abendlandes, man muß sagen, das alles zeigt sich besonders geeignet für das wirtschaftliche Denken. Und wenn einmal das wirtschaftliche Glied des sozialen Organismus ausgebildet werden soll, dann wird man in die Schule gehen müssen beim Westen: bei "Thomas Reid, John Stuart Mill, Buckle, Adam Smith und so weiter. Sie haben nur den Fehler, daß sie auf die Wissenschaft, auf die Erkenntnis, auf das Geistesleben ihr Denken angewendet haben. Wenn man sich schult an diesem Denken und darüber nachdenkt, wie man Assoziationen zu bilden hat, wie man am besten zu wirtschaften hat, dann ist dieses Denken am Platze. Mill hätte nicht eine Logik schreiben sollen, sondern er hätte die geistige Kapazität, die er gehabt hat, um eine Logik zu schreiben, dazu verwenden sollen, einmal das Gefüge einer gewissen gewerblichen Assoziation in allen Einzelheiten zu beschreiben. Und man muß sagen, wenn man heute so etwas zustande bringen will wie mein Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage», dann muß man gelernt haben, zu verstehen, auf welche Art im orientalischen Sinne man zum Geistigen gelangt, und auf welche Weise man, wenn auch noch jetzt sehr auf Irrpfaden, im Westen zum wirtschaftlichen Denken gelangt. Denn beide Dinge gehören zueinander, beide sind notwendig miteinander.
Cite:
GA 199/1920-08-21/p017 · edition original