Siebenter Vortrag
Das ist gerade dieses Verwachsensein mit der Außenwelt bei dem orientalischen Menschen, dieses Hereinnehmen jener Geistigkeit, von der ich Ihnen gesprochen habe, daß sie jenseits der Sinneswelt ist. Im Westen wird alles herausgeholt aus den Instinkten der Persönlichkeit, aus den Tiefen der Persönlichkeit. Ich möchte sagen, der Stoffwechsel des Menschen, nicht die äußere Welt ist es. Die Welt beim Orientalen wirkt auf die Sinne, wirkt auf den Geist, die in ihm aufleuchten lassen dasjenige, was er seinen heiligen Brahma nennt. Im Westen ist es das, was aus dem Stoffwechsel des Leibes aufsteigt, und was zu Vorstellungsassoziationen führt, was aber besonders taugt, eben das Wirtschaftsleben zu charakterisieren, was erst für das folgende Erdenleben ist. Denn was wir außer dem Kopf an uns tragen, ist ja das, was erst wahr zum Ausdrucke kommt, wie wir ausgeführt haben, in dem nächsten Erdenleben. Diesen Kopf haben wir von unserem vorigen Erdenleben; unsere Gliedmaßen, unseren Stoffwechsel tragen wir in das nächste Erdenleben hinein. Das ist Metamorphose von Erdenleben zu Erdenleben. Daher denkt man im Westen mit dem, was reif wird erst im nächsten Erdenleben. Es ist daher auch gerade dieses Denken des Westens darauf veranlagt, das Post-mortem-Leben ins Auge zu fassen, statt von der Ewigkeit, von der Unsterblichkeit zu sprechen, nicht zu haben das Wort «ungeburtlich», sondern nur zu haben das Wort «Unsterblichkeit». Es ist der Westen, welcher das Leben nach dem Tode als dasjenige hinstellt, wonach der Mensch vor allen Dingen sehen soll. Aber jetzt schon bereitet sich im Westen aus der ganz materialistischen Kultur in dieser Beziehung, ich möchte sagen, Radikales, aber gerade im radikalen Sinne Edles vor. Wer ein wenig sehen kann in die Tiefen desjenigen, was sich da vorbereiten will, der kommt zu einer merkwürdigen Entdeckung. Es wird zwar in der allerinnigsten Weise gestrebt nach dem Postmortem-Leben, nach irgendeiner Unsterblichkeit, also nach einem egoistischen Leben nach dem 'Tode, aber es wird so gestrebt, daß aus diesem Streben etwas Besonderes sich entwickeln wird; während ein großer Teil der Menschheit noch in einer Illusion lebt in diesem Punkte, entwickelt sich sonderbarerweise im Westen etwas ganz Merkwürdiges. Ein großer Teil der europäischen Menschheit hat ja, weil in ihm gewissermaßen einzelnes sich spiegelt von diesem Post-mortem-Leben, das der Westen sich ausbildete, er hat auch dieses Post-mortem-Leben, dieses Hinschauen auf das Leben nach dem Tode besonders ausgebildet. Aber am liebsten möchte dieser Europäer sagen: Ja, es ist mir verheißen von meiner Religion ein Leben nach dem Tode, aber ich brauche hier in diesem nichtigen, in diesem unbefriedigenden Erdenleben, in diesem nur materiellen Leben nichts zu tun, um die Seele unsterblich zu machen. Christus ist gestorben, damit ich unsterblich sei. Ich brauche nicht zu streben nach dieser Unsterblichkeit. Ich bin einmal unsterblich, Christus macht mich unsterblich. Oder dergleichen.
Cite:
GA 199/1920-08-21/p020 · edition original