Siebenter Vortrag
Im Westen bereitet sich etwas anderes vor, insbesondere in Amerika. Da sehen wir aus den verschiedensten, manchmal barocksten und trivialsten religiösen Weltanschauungen etwas aufstreben, was zwar ganz materialistische Formen hat, was aber zusammenhängt mit etwas, was Leben der Zukunft sein wird gerade mit Bezug auf diese Weltanschauung der Unsterblichkeit. Es macht sich geltend gerade in gewissen Sekten Amerikas der Glaube, daß man überhaupt nicht leben kann nach dem Tode, wenn man sich hier in diesem Erdenleben nicht angestrengt hat, wenn man nicht irgend etwas getan hat, wodurch man erwirbt dieses Leben nach dem Tode. Nicht bloß nach dem Muster irdischer Wahrheit ins Ewige verlegtes Richten nach Gut und Böse wird gesehen nach dem Tode, sondern derjenige zerfließt, zerflattert im Weltenall, der sich nicht hier anstrengt, damit er seine seelische Entwickelung eben durch den Tod tragen kann. Was man durch den Tod tragen will, das muß hier entwickelt werden. Und derjenige stirbt auch seelisch diesen zweiten Tod — um dieses Paulinische Wort zu gebrauchen -, der hier nicht dafür sorgt, daß seine Seele unsterblich werde. Das ist etwas, was sich allerdings im Westen als Weltanschauung entwickelt, nicht das langsame passive Dahinleben und Zuwarten, was wird nach dem Tode. Das ist dasjenige, was in gewissen Sekten Amerikas hervortritt. Es wird vielleicht heute noch wenig bemerkt, aber zahlreiche Empfindungen streben danach, dieses Leben hier moralisch und auch sonst so anzuschauen, die Lebensführung so einzurichten, daß man durch das, was man hier tut, etwas hindurchträgt durch die Pforte des Todes.
Cite:
GA 199/1920-08-21/p021 · edition original