Siebenter Vortrag
Zwischen diesen beiden Welten steht drinnen so etwas, wie es in Fichtes Worten liegt: Die äußere Welt ist das versinnlichte Material meiner Pflicht. — Diese Denkweise, ich sagte vorher, eigentlich verstehen sie die Leute heute nicht. Und was heute über Fichte geschrieben wird, das ist eigentlich ebenso, wie wenn der Blinde von der Farbe reden würde. Es ist namentlich in den letzten Jahren ungeheuer viel von dem Fichteschen Satz gesagt und gepredigt worden. Aber das alles war so, daß man sagen möchte: Fichte, der urmitteleuropäische Geist, ist eigentlich von den deutschen Zeitungen, von deutschen Belletristikund Bücherschreibern amerikanisiert worden. Das sind eigentlich amerikanisierte Fichtes, die da einem entgegentreten. Da ist jene Nuance des menschlichen Seelenlebens, welche das mittlere Glied des sozialen Organismus besonders auszubilden hat, dasjenige, welches hervorgeht aus der Beziehung von Mensch zu Mensch. Es wäre ja gut, wenn mancher von Ihnen sich einmal — es ist nicht leicht — vertiefen würde in eine Schrift von Fichte, wo eigentlich so geredet wird, als wenn es überhaupt keine Natur geben würde; es wird zum Beispiel Pflicht und alles deduziert, indem erst bewiesen wird, daß es äußere Menschen auch gibt, in denen das versinnlichte Material der Pflicht zum Dasein kommen kann. Da lebt alles darinnen, ich möchte sagen als Rohmaterial, aus dem sich zusammensetzen muß der Rechts-, der Staatsorganismus im dreigliedrigen sozialen Organismus.
Cite:
GA 199/1920-08-21/p024 · edition original