Siebenter Vortrag

GA 199/1920-08-21/p025 ·1920-08-21 · original (original)
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Und worauf beruht im Grunde genommen unser katastrophales Ereignis der letzten Jahre? Es beruht darauf, daß solche Dinge eben nicht lebendig durchschaut, nicht lebendig erfühlt worden sind. In Berlin macht man amerikanische Politik. Das taugt für Amerika sehr gut, just für Berlin taugt es nicht. Daher kam diese Berliner Politik in die Nullität. Denn denken Sie, wenn fortwährend in Berlin oder in Wien amerikanische Politik gemacht wurde, im Grunde genommen hätte man, abgesehen von der Sprache, zu Berlin auch sagen können New York und zu Wien Chikago, es wäre gar nicht so besonders verschieden gewesen. Wenn da — in der Mitte — etwas gemacht wird, was eigentlich durch und durch fremd ist, was in den Westen gehört und da gut am Platze ist, dann kommt dasjenige, was Urelement des Volkstums ist, und straft es Lügen, ohne daß die Menschen es wissen. Und so war es im Grunde genommen in den letzten Jahrzehnten. Das ist das Urphänomen dessen, was sich zugetragen hat, das Urphänomen, das darin besteht, daß man zum Beispiel den Fichteanismus mit Füßen getreten hat und zum Beispiel aus einem Instinkt heraus gelesen hat Ralph Waldo Trine. Eigentlich alle die aristokratischen Politikgigerln haben sich mit Ralph Waldo Trine beschäftigt und daher ihre besondere innere Anregung bezogen, oder irgend etwas anderes. Als die Sache besonders heiß geworden ist, ist es sogar Woodrow Wilson geworden. Und derjenige, der jetzt wiederum Präsident der Deutschen Republik werden möchte, der ist jetzt noch immer so, daß sein Gehirn automatisch abrollt die vierzehn Punkte von Woodrow Wilson. So daß wir erlebt haben, daß in der letzten Zeit im Großherzogtum Baden wieder einmal eine ehemals repräsentative deutsche Persönlichkeit Amerikanismus in die Welt hinausgebrüllt hat. Es ist das beste, unmittelbar anschauliche Beispiel, wie die Dinge eigentlich stehen. Nicht wahr, diese Zusammenhänge, diese urphänomenalen Zusammenhänge, sie muß man tatsächlich durchschauen, wenn man verstehen will, was heute eigentlich geschieht. Wenn man bloß die Zeitung hernimmt, die Reden liest des Prinzen Max von Baden, so herausliest, ohne Zusammenhang, dann ist das heute absolut wertlos, hat gar keinen Wert, ist ein bloßes Kaleidoskop von Worten. Derjenige allein versteht etwas von der Welt, der so etwas hineinstellen kann in den ganzen Weltzusammenhang. Und ehe nicht begriffen wird, daß es notwendig ist, daß man heute Verständnis für die Welt sich zu erobern hat, wenn man mitreden will, eher kann es nicht besser werden. Das charakteristischste Zeichen der Gegenwart ist, daß man glaubt, wenn eine Gesellschaft einen blechösen Satz als allgemeines Programm aufstellt — allgemeine Einigkeit unter allen Rassen, Nationen, Farben und so weiter —, so sei damit etwas getan. Damit ist nichts getan, als der Menschheit Sand in die Augen gestreut. Getan ist erst etwas, wenn man auf die Differenzierungen hinschaut, wenn man erkennt, was in der Welt ist. Die Menschen konnten früher aus ihren Instinkten heraus leben. Das ist ihnen jetzt genommen. Sie müssen lernen, bewußt zu leben. Bewußt leben kann man aber nur, wenn man hineinschaut in das, was wirklich geschieht.

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Cite: GA 199/1920-08-21/p025 · edition original