Siebzehnter Vortrag
Es ist auch hier wohl öfter zu Ihnen gesprochen worden von der in Stuttgart begründeten Waldorfschule. Sie soll in gewisser Weise in Unterricht und Erziehung praktisch machen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Etwas besonders Bedeutungsvolles in der Pädagogik der Waldorfschullehrer sind nicht etwa die abstrakten Grundsätze, die Sie sonst in pädagogischen Lehrbüchern oder in staatlich approbierten Lehrvorschriften finden können, sondern da wirken als ganz besonders wichtige Dinge zum Beispiel die Gefühle, mit denen der Lehrer die Klasse betritt. Eines derjenigen Gefühle, die da ganz besonders pädagogisch wirksam werden, von dem jeder Lehrer durchdrungen ist, weil er von dieser Seite aus in seinen Beruf eingeführt worden ist, das ist die Ehrfurcht vor jenem göttlichen Keim, der sich von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat herausdrängt aus dem Inneren des Wesens, das heruntergestiegen ist aus der ewig geistigen Welt in diese physische Welt. Das Bewußtsein, daß der Lehrer durch das Tor des Menschenleibes etwas zu tun hat mit einem Wesen, das heruntergestiegen ist zu ihm aus geistigen Welten, das macht jene tiefe Ehrfurcht aus, die der Lehrer dann hat vor jenem Menschenwesen, das sich als ein Geistig-Seelisches im physischen Leib immer mehr und mehr herausgestaltet. Man mag es heute schon glauben oder nicht: Ein Lehrer, der diese Ehrfurcht vor dem werdenden Menschen hat, hat eine geheime Kraft in sich, durch die er ganz anders unterrichtet und erzieht, als ein Lehrer, der diese Ehrfurcht nicht hat, der glaubt, der Mensch wäre entstanden, indem er sich als physischer Leib losgelöst hat von dem Leib der Mutter. Denn man unterrichtet und erzieht nicht allein mit Begriffen und Ideen, man erzieht vor allen Dingen mit jenen geheimnisvollen Kräften und Mächten, welche als Imponderabilien übergehen von dem Lehrer auf das Kind.
Cite:
GA 199/1920-09-18/p009 · edition original