Siebzehnter Vortrag
Dafür läßt sich ein Beispiel anführen, das als ein besonders wichtiges angeführt werden darf. Man kann als Lehrer nachdenken, wie man dem oder jenem Kinde die Idee der Unsterblichkeit beibringt. Nicht wahr, nach heutiger Auffassung ist der Lehrer der Gescheite und das Kind der Dumme, Der gescheite Lehrer denkt nach: Wie bringe ich dem dummen Kinde die Idee der Unsterblichkeit bei? — Da wird er etwa dem Kinde sagen: Sieh dir an die Schmetterlingspuppe! Da drinnen sitzt ein Schmetterling, er bricht aus, er entfaltet sich, nachdem die Puppe gesprengt ist. Genau so ist es mit deiner unsterblichen Seele in deinem Leibe: der Leib wird gesprengt. Die unsterbliche Seele ist nur nicht so sichtbar wie der Schmetterling, aber für eine übersinnliche Anschauung ist sie sichtbar, sie fliegt in geistige Welten. —- Gewiß, man kann sich das ausdenken und durch einen solchen Vergleich dem Kinde die Unsterblichkeitsidee beibringen. Meines Erachtens wird das Kind nicht sehr gefördert, wenn ihm diese Unsterblichkeitsidee von dem sehr gescheiten Lehrer im Sinne der heutigen Zeit beigebracht wird, denn der glaubt selber nicht daran! Er hat es nur ausgedacht. Wenn aber irgendeiner von unseren Waldorfschullehrern dem Kinde auf diese Weise die Unsterblichkeit beibringt, so ist das ganz anders. Der glaubt nämlich selber an dieses Bild, der ist von der Wahrheit durchdrungen, daß die Schmetterlingspuppe und der auskriechende Schmetterling von den Göttern selber so angeordnet sind, daß sie das Bild der Unsterblichkeit der Menschenseele darstellen. Der ist davon durchdrungen: Da ist dieselbe Erscheinung: auf einer niedrigeren Stufe der auskriechende Schmetterling, und auf einer höheren Stufe die aus dem Leibe herauskommende Seele. Und dieses Bild hast nicht du gemacht, sondern es ist von göttlich-geistigen Mächten selber in die Natur hineingestellt worden. — Der glaubt daran mit derselben Inbrunst, wie das Kind daran glauben soll, und auf diesen Glauben kommt es an. Hat der Lehrer diesen Glauben, so wird er ihn auch in dem Kinde befestigen, hat er ihn nicht, hat er ihn nur als eine abstrakte Idee in sich, so wirkt er nicht fruchtbar. Denn es kommt auf die Gefühle an, die in das Klassenzimmer hineinströmen, auf die Gefühle kommt es an, die in unserer Seele entzündet werden aus dem Bewußtsein der Präexistenz.
Cite:
GA 199/1920-09-18/p010 · edition original