Siebzehnter Vortrag
Sie werden gewiß alle ein Christus-Wort aus dem Evangelium öfters durch Ihre Seele haben ziehen lassen: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» Was bedeutet dieses Christus-Wort? Es hat keinen Sinn für denjenigen Menschen, der an Atome und Moleküle glaubt, denn dieser nimmt an: Es gab einmal vor diesem Erdendasein mit Tieren, Pflanzen und Menschen ein Nebelgebilde, aus dem sich allmählich die Sonne herausballte, aus dem sich die Planeten herausballten, und durch das Zusammenballen und Durcheinanderwirbeln sind Pflanzen, Tiere und Menschen entstanden. Gesund empfinden die Menschen, die, wie zum Beispiel der bekannte Kulturhistoriker Herman Grimm, sagen: Künftige Zeitalter werden Mühe haben, diesen Wahnsinn der Kant-Laplaceschen Theorie überhaupt nur zu erklären, denn ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund seine Kreise zieht, ist ein appetitlicherer Anblick als diese Theorie! — Das sagt ein gesund empfindender Mensch. Denn, indem wir hinausblicken in die Welt der Sinne, was ist denn hinter den Farben, was ist denn hinter den Tönen? Nicht Atome und Moleküle, sondern geistige Kräfte, die stoßen mit unseren geistigen Kräften zusammen und bilden so diesen Farben- und diesen Tonteppich, der um uns her ausgebreitet ist, oder auch diesen Wärmeteppich. Wenn also in Wahrheit das vorhanden ist, was ich schon in den achtziger Jahren in meiner Einleitung zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften gekennzeichnet habe: Die sich metamorphosierenden Empfindungen, und hinter diesen eine geistige Welt, dann werden wir dasjenige empfinden, was man sehen würde, wenn man jetzt von der Erde nach einem andern Stern fahren und von diesem Stern aus die Erde ansehen könnte. Da würde man nicht dasjenige sehen, was in unserer Umgebung ist an Bäumen, an Wolken, an Pflanzen und Tieren, da würde man nur wahrnehmen dasjenige, was innerhalb der menschlichen Haut ist; und das, was Sie in dem Stern sehen, ist nicht dasjenige, was die Wesen dieser andern Sterne sehen, denn das hat keine Bedeutung für einen fremden Stern. Das Licht, das Ihnen von andern Sternen entgegenstrahlt, ist nicht ein Vorgang in der äußeren Welt, das ist ein Vorgang in den Wesen, die diese Sterne bewohnen; geradeso wie das, was innerhalb Ihrer Haut ist, allein für das Schauen auf einem andern Stern von der Erde sichtbar ist. Wenn Sie das begreifen, dann werden Sie nicht mehr sagen: Die Erde ist aus einem Atomhaufen entstanden, der sich zusammengeballt hat. — Da bildet man sich Ideale, was soll aus solchen Idealen werden, wenn die Erde wieder übergeht in einen Atomhaufen? Verklungen, vergessen, vernichtet wäre die ganze moralische Welt, wäre alles, was jemals aus ethischen, sittlichen, religiösen Idealen aufgetaucht ist, wenn nur der Stoff, nur die Kraft ewig wären. Kraft und Stoff lösen sich auf in Empfindungen. Ewig ist der Geist, den wir in uns selbst tragen, und dieser Geist erscheint auch physisch auf einem fremden Weltkörper. Das, was außerhalb der Menschenhaut ist, ist gar nicht da für einen andern Weltkörper. Daher können wir sagen: Uns umgibt eine Natur; wir werden immer wieder und wieder geboren; die Natur wird nicht mehr da sein, die Natur wird einer andern Platz gemacht haben. Was von allem, das jetzt da ist, da sein wird, ist nur dasjenige, was innerhalb der menschlichen Haut lebt. Aus einer tief intuitiven Erkenntnis heraus sagte daher Christus Jesus: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen!» Alles das, was du außen siehst, wird vergehen, aber meine Worte, die aus meinem Mund herauskommen, werden nicht vergehen, die werden bestehen!
Cite:
GA 199/1920-09-18/p017 · edition original