Siebzehnter Vortrag
Und nun blicken wir von diesem Gesichtspunkt aus auf die heutige Weltlüge hin! Da hören wir von den Kanzeln herab verkündigen, die Menschenseele sei unsterblich, da hören wir auf den Universitäten verkündigen, der Stoff und die Kraft seien ewig, und dann kommen die feigen Kompromißmenschen und wollen die beiden Dinge zusammenleimen. Ehrlich wäre nur, wenn diejenigen, die an die Ewigkeit des Stoffes glauben, sagen würden: Es gibt keine Ewigkeit der Seele — und diejenigen, die an die Ewigkeit der Seele glauben, die müssen die Ewigkeit des Materiellen leugnen, die müssen sich zu dem wahrhaft christlichen Wort bekennen: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte, das heißt der Inhalt meiner Seele, werden nicht vergehen! — Beide Dinge sind miteinander unvereinbar. Würde man mutig sein, so würden die materialistischen Universitätslehrer sagen, das Christentum gilt für uns nicht. Und diejenigen, die das Christentum zu verkündigen haben, würden um des Christentums willen den Materialismus der Universitäten bekämpfen müssen. Daß man es nicht tut, daß man die Dinge zusammenleimen will, das ist die große Lebenslüge unserer Zeit. Und wo die Gesinnung der Lügenhaftigkeit herrscht, da dehnt sich die Saat, da dehnt sich der Keim des Lügens aus, da schleicht er in die andern Lebensverhältnisse hinein. Das hat er genügend getan im Laufe der Zeit, weil man nicht neben der Postexistenz an Erkenntnis appellieren wollte, die unbedingt zur Präexistenz, zum vorgeburtlichen Leben hinweist. Weil man bloß von Postexistenz reden wollte, was nur an den Seelenegoismus, nicht an die Erkenntnis appelliert, daraus entspringt alle Unwahrhaftigkeit des Lebens, die heute auf so vielen Gebieten herrscht, weil sich der Geist des Unwahren nicht aufhalten läßt, wenn er unser Bestes, unsere innerste Überzeugung ergreift.
Cite:
GA 199/1920-09-18/p018 · edition original