{"corpus":"steiner","locus":"GA 199/1920-09-18/p019","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Aber nur im Zusammenhang mit dem ganzen Menschenleben können diese Dinge richtig und voll gewürdigt werden. Das ganze Mittelalter und einen großen Teil der neueren Zeit hindurch sprach man von «tichtig» und «unrichtig». Jeder Mensch glaubte selbstverständlich, er habe das Richtige, und was nicht damit übereinstimmte, sei das Unrichtige, und wenn die Menschen über das Richtige und Unrichtige sprachen, dann redeten sie vom Gesichtspunkte der Logik. Logik war der große Stolz der Menschheit. Heute ist es schon fast nicht mehr so. Von Amerika herüber ist eine Lehre gekommen, die bereits die Philosophie ergriffen und in Deutschland eine besonders groteske Form angenommen hat. Das ist nun nicht mehr die logische Lehre von Wahr und Falsch, das ist der sogenannte Pragmatismus, die Lehre vom Nützlichen. Man glaubt an eine Sache als wahr nicht deshalb, weil man sie logisch durchschaut hat, sondern Leute wie James und andere sagen: Ach was, wahr oder falsch ist nur ein anderer Ausdruck für das, was nützlich oder schädlich ist! - Wir merken, irgend etwas ist uns nützlich, deshalb sagen wir, es sei wahr; wir merken, irgend etwas sei uns schädlich, deshalb sagen wir, es sei falsch! In Deutschland hat sich dieses als die Philosophie des «Als Ob» geltend gemacht, und es gibt wirklich ein dickes Buch darüber. von einem gewissen Universitätsprofessor Vaihinger, der lange in Halle Philosophie gelehrt hat. Die Philosophie des «Als Ob» bedeutet ungefähr: Man weiß nicht, ob es Moleküle oder Atome gibt, aber es ist nützlich, die Welt so zu erklären, als ob es Atome gäbe; man weiß nicht, ob das Gute irgendeine ewige Bedeutung hat, aber es ist nützlich, die Welt so zu erklären; man weiß nicht, ob es einen Gott gibt, aber es ist ‚nützlich für den Menschen, nützlicher als das Entgegengesetzte, die Welt so anzuschauen, als ob es einen Gott gäbe und so weiter. Ich drücke es nur mit ein paar paradigmatischen Worten aus. Diese Philosophie des «Als Ob» ist die deutsche Umgestaltung der amerikanischen Lehre, daß das Nützliche wahr und das Schädliche falsch ist.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Siebzehnter Vortrag","site_heading":null,"date":"1920-09-18","location":null,"word_count":334,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/199/1920-09-18/p019","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/199/1920-09-18/p019"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/199/1920-09-18/p019","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}