Siebzehnter Vortrag

GA 199/1920-09-18/p020 ·1920-09-18 · original (original)
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Neben diesen Anschauungen gab es in allen alten Kulturen noch eine andere. Im späteren Griechentum war sie schon nicht mehr vorhanden; im älteren Griechentum ist sie für alle diejenigen, die diese Zeit nicht professorengemäß, sondern wahrheitsgemäß studieren, noch bemerkbar. Da redete man nicht im logischen Sinne von einer Anschauung, sie sei «wahr» oder «falsch», da redete man von einer Anschauung so, daß man sagte, sie sei «gesund» oder «krank». Das bedeutete etwas! Wir reden heute eigentlich nur noch von Gesundheit und Krankheit, wenn wir den physischen Menschen meinen, denn wir reden im gewöhnlichen Leben überhaupt nur noch von diesem. Da wissen wir, aus dem Kosmos heraus stammen Kräfte, die einen gesund oder krank machen, aber wenn wir von Seele und Geist reden, reden wir nicht mehr von gesund oder krank, da sind wir zum Abstrakten übergegangen, zur bloßen Theorie. In alten Kulturen hatte man die Empfindung, wenn irgend jemand etwas sagte, was richtig war: Das organisiert seinen Geist gut, da ist er gesund. — Wenn er etwas sagte, was schief war, was wir heute abstrakt «falsch» nennen, da empfand man konkret: Das kommt aus einer kranken Seelenstimmung heraus. — «Gesund» und «krank», das war etwas, was man auch von der Seele sagte, was man von der Seele vor allen Dingen empfand. Aus dieser Empfindung heraus stammt das Wort, über das die Gelehrten später lange philologische Abhandlungen verfaßt haben, das Wort «Katharsis» in der griechischen Tragödie, ein Wort, das aus den Mysterien kommt. Katharsis geht nach Aristoteles in der Menschenseele vor sich, wenn sie eine Tragödie ansieht. Da wird Furcht und Mitleid erregt, damit Furcht und Mitleid zu einer Art Krisis, Katharsis führt, und der Mensch gereinigt wird in Furcht und Mitleid. Da wird der Vorgang, der in der Menschenseele vorgeht, indem sie eine Tragödie ansieht, wie ein Gesundungsprozeß aus der erkrafteten Seele heraus geschildert. Da haben Sie in der Ästhetik, in der Kunst, noch drinnen den Begriff des Gesund- und des Krankmachenden.

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