Eine vergessene Strömung im deutschen Gedankenleben

GA 20/l03/p009 · original (original)

Zu den vergessenen, ja schon während ihres Lebens unbeachteten Persönlichkeiten der deutschen Geistesentwickelung gehört Karl Christian Planck. Geboren ist er 1819 in Stuttgart, gestorben 1880; er war Professor am Gymnasium in Ulm, später am Seminar in Blaubeuren. Noch 1877 hoffte er, daß man ihm den damals frei gewordenen philosophischen Lehrstuhl in Tübingen übertragen werde. Es geschah nicht. In einer Reihe von Schriften sucht er sich einer Weltanschauung zu nähern, welche ihm als der Ausdruck der geistigen Art des deutschen Volkes erschien. In seinem Buche «Grundlinien einer Wissenschaft der Natur» (1864) spricht er aus, wie er mit den eigenen Gedanken die Gedanken der forschenden deutschen Volksseele darstellen will: «Welche Macht tiefgewurzelter Vorurteile von der bisherigen Anschauung aus seiner - des Verfassers - Schrift entgegensteht, dessen ist er sich vollkommen bewußt; allein, wie schon die Arbeit selbst, trotz aller Ungunst der Umstände, die zufolge der ganzen Lage und Berufsstellung des Verfassers einem Werk dieser Art sich entgegenstellte, doch ihre Durchführung und ihren Weg in die Öffentlichkeit sich erkämpft hat, so ist er auch gewiß, daß das, was sich jetzt erst seine Anerkennung erkämpfen muß, einst als die einfachste und selbstverständlichste Wahrheit erscheinen wird, und daß darin nicht bloß seine Sache, sondern die wahrhaft deutsche Anschauung der Dinge über alle noch unwürdig äußerliche und undeutsche Auffassung der Natur und des Geistes siegen wird. - Was in unbewußter tiefsinniger Ahnung schon unsere mittelalterliche Dichtung vorgebildet hat, das wird endlich in der Reife der Zeiten an unserer Nation sich erfüllen. Die unpraktische, mit Schaden und Spott heimgesuchte Innerlichkeit deutschen Geistes (wie Wolfram sie in seinem Parzival schildert) erringt endlich in der Kraft ihres unablässigen Strebens das Höchste; sie schaut den letzten einfachen Gesetzen der Dinge und des menschlichen Daseins selbst auf den Grund; und was die Dichtung phantastisch mittelalterlich in den Wundern des Grals versinnbildlicht hat, dessen Herrschaft ihr Held erringt, das erhält umgekehrt seine rein natürliche Erfüllung und Wirklichkeit in der bleibenden Erkenntnis der Natur und des Geistes selbst.» - In der letzten Zeit seines Lebens faßte Karl Christian Planck sein Gedankenwerk zusammen in einem Buche, das 1881 der Philosoph Karl Köstlin als das «Testament eines Deutschen» herausgegeben hat.

Read this passage in another edition
DEoriginalENMP1990
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/20/l03/p009.json
Cite: GA 20/l03/p009 · edition original