Eine vergessene Strömung im deutschen Gedankenleben
Es ist durchaus eine ähnliche Art von Empfindung des Erkenntnisrätsels in Plancks Seele wahrzunehmen, wie sie bei den andern in dieser Schrift charakterisierten Denkerpersönlichkeiten sich offenbart. Dies Erkenntnisrätsel in seiner ursprünglichen Gestalt wird für Planck Ausgangspunkt seines Forschens. Ist im Umkreis der menschlichen Gedankenwelt die Kraft zu finden, durch die der Mensch die wahre Wirklichkeit erfassen kann, die Wirklichkeit, die seinem Dasein Sinn und Bedeutung im Weltendasein gibt? In die Natur sieht sich der Mensch hinein- und ihr gegenübergestellt. Er kann sich über das, was in deren Tiefen als wahre Wesenkräfte waltet, wohl Gedanken machen; allein wo ist, was ihm dafür bürgt, daß seine Gedanken irgend eine andere Bedeutung haben, als daß sie Geschöpfe seiner eigenen Seele, ohne Verwandtschaft mit jenen Tiefen sind? Wären sie dieses, so müßte dem Menschen ja unbekannt bleiben, was er selbst ist und wie er in der wahren Welt wurzelt. Durch irgendeine andre Seelenkraft als durch das Denken sich den Weltentiefen nahen zu wollen, lag Planck so fern wie Hegel. Er konnte keine andere Ansicht haben als die, dem Denken müsse sich die echte Wirklichkeit irgendwie ergeben. Aber wie weit man auch ausgreift mit dem Denken, wie man auch die innere Kraft desselben zu erstarken sucht: man bleibt ja doch immer nur im Denken; man stößt in den Weiten und Tiefen des Denkens auf kein Sein. Durch seine eigene Wesenheit scheint sich das Denken von jeder Gemeinschaft mit dem Sein auszuschließen. Doch der Einblick in diese Seinsfremdheit des Denkens wird für Planck nun eben der Lichtstrahl, der ihm lösend auf das Welträtsel fällt. Wenn das Denken gar nicht Anspruch darauf macht, selbst irgendwie etwas von der Wirklichkeit in sich zu tragen, wenn es wahrheitsgemäß sich als das Unwirkliche offenbart, dann erweist es sich doch gerade dadurch als das Werkzeug, um die Wirklichkeit auszudrücken. Wäre es selbst ein Wirkliches, dann könnte die Seele nur in seiner Wirklichkeit weben, und käme aus ihr nicht heraus; ist es selbst unwirklich, dann stört es die Seele durch seine eigene Wirklichkeit nicht; der Mensch ist, indem er denkt, gar nicht in einer Gedankenwirklichkeit, sondern in der Gedankenunwirklichkeit, die eben deshalb dem Menschen sich nicht aufdrängt mit ihrer eigenen Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit ausdrückt, von der sie spricht. Wer im Denken selbst etwas Wirkliches sieht, der muß, nach Plancks Ansicht, auf ein Herankommen an die Wirklichkeit verzichten; denn ihm muß sich das Denken zwischen die Seele und die Wirklichkeit stellen. Ist das Denken selbst nichts, kann es also auch dem Erkennen die Wirklichkeit nicht verbergen, so muß diese im Denken sich offenbaren können.