Eine vergessene Strömung im deutschen Gedankenleben

GA 20/l03/p012 · original (original)

Als Beispiel wie Planck in solchem Streben zu einem Weltbild gelangen will, sei mit einigen Strichen gekennzeichnet, wie er über das Wesen der Erde denkt. - Wenn jemand die Erde so vorstellt, wie die rein physische Geologie das mit sich bringt, so ist in dieser Vorstellung für Plancks Weltanschauung keine Wahrheit. So die Erde vorzustellen, wäre wie wenn man von einem Baum sprechen wollte und nur den Holzstamm ohne Blätter, Blüten und Früchte im Auge hätte. Ein solcher Stamm kann für den Anblick der physischen Augen Wirklichkeit genannt werden. Im höheren Sinne ist er keine Wirklichkeit. Denn er kann, so wie er ist, im Weltenzusammenhang für sich nicht vorkommen. Er kann das nur sein, was er ist, indem zugleich die Triebkräfte in ihm entstehen, die Blätter, Blüten und Früchte entfalten. Man muß in der Wirklichkeit des Stammes diese Triebkräfte mitdenken und muß sich bewußt sein, daß der bloße Stamm nur ein über sich selbst täuschendes Wirklichkeitsbild gibt. Daß irgend etwas vor den Sinnen da ist, das ist noch kein Beweis, daß es so auch eine Wirklichkeit ist. Die Erde als die Gesamtheit dessen vorgestellt, was sie an mineralischen Gebilden und innerhalb dieser Gebilde vorkommenden Tatsachen zeigt, ist keine Wirklichkeit. Wer Wirkliches über die Erde vorstellen will, der muß sie so vorstellen, daß ihr Mineralreich schon in sich enthält das Pflanzenreich, wie das Stammgebilde des Baumes die Blätter und Blüten; ja daß in der «wahren Erde» schon das Tierreich und der Mensch mit drinnen sind. Man sage nicht, das sei doch eine Selbstverständlichkeit, und im Grunde täusche sich Planck doch nur darüber, daß dies doch jeder ebenso halte wie er. Planck müßte darauf erwidern: wo ist der, der dies tut? Gewiß stellen alle die Erde als den Weltkörper vor mit seinen Pflanzen, Tieren und Menschen. Aber sie stellen eben die mineralische Erde vor, aus ihren geologischen Schichten bestehend, aus ihrer Oberfläche heraus die Pflanzen wachsend, auf ihr die Tiere und Menschen herumwandelnd. Aber diese Summenerde, aus Mineralien, Pflanzen, Tieren und Menschen addiert, gibt es gar nicht. Die ist bloß ein Trugbild der Sinne. Dafür gibt es eine wahre Erde, die ist ein ganz übersinnliches Gebilde, ein unsichtbares Wesen, das aus sich heraus den mineralischen Untergrund sich gibt; sich aber nicht in diesem erschöpft, sondern in dem Pflanzenreiche weiter sich offenbart, dann im Tierreiche, dann im Menschenreiche. Für das Mineralreich, das Pflanzen-, das Tier-, das Menschenreich hat nur derjenige den richtigen Blick, der das Ganze der Erde in seiner Übersinnlichkeit schaut, und der fühlt, wie zum Beispiel die Vorstellung des stofflichen Mineralreiches für sich, ohne die Vorstellung der Seelenentwickelung der Menschheit ein Truggebilde ist. Gewiß, man kann ein stoffliches Mineralreich vorstellen; aber man lebt in der Weltenlüge und nicht in der Weltenwahrheit, wenn man dabei nicht das Gefühl hat, mit einer solchen Vorstellung webt man in dem gleichen Wahn, wie wenn man sich denken wollte, ein Mensch, dem der Kopf abgeschlagen ist, werde weiter ruhig durchs Leben wandeln.—Es könnte gesagt werden: Wenn wahrhafte Erkenntnis das hier Angedeutete notwendig mache, dann könnte diese doch niemals erreicht werden; denn wer behauptet, die mineralische Erde sei keine Wirklichkeit, weil sie im Ganzen der Erde geschaut werden müsse, der sollte auch sagen, das Ganze der Erde müsse wieder im Pflanzensystem und so weiter geschaut werden. Wer solchen Einwand macht, hat den Sinn dessen aber nicht erfaßt, das einer geistgemäßen Weltanschauung zugrunde liegt. Es handelt sich nämlich bei allem Erkennen nicht bloß darum, daß man richtig, sondern das man auch wirklichkeitsgemäß denke. Wer von einem Gemälde spricht, kann wohl sagen, man denke nicht wirklichkeitsgemäß, wenn man nur auf eine Person blicke, während drei auf dem Gemälde sind; aber es kann diese Behauptung innerhalb ihrer Tragweite nicht damit widerlegt werden, daß man sagt: niemand verstehe dies Gemälde, der nicht auch alle vorhergehenden desselben Malers kenne. Zum Erkennen der Wirklichkeit ist eben richtiges und wirklichkeitsgemäßes Denken nötig. Das Mineral als Mineral, die Pflanze als Pflanze und so weiter für sich betrachten, kann wirklichkeitsgemäß sein; die mineralische Erde ist kein wirkliches, sondern ein Phantasiegebilde; auch wenn man sich bewußt ist, daß sie nur ein Teil alles Irdischen ist.—Das ist das Bedeutsame bei einer solchen Persönlichkeit wie Planck, daß sie sich in eine Stimmung bringt, durch die sie die Wahrheit eines Gedankens nicht ersinnt, sondern erlebt. Daß sie in der eigenen Seele eine Kraft für sich entfaltet, durch die sie erlebt, wann ein Gedanke nicht gedacht werden darf, weil er sich durch seine eigene Wesenheit ertötet. Das Dasein einer Wirklichkeit zu ergreifen, die ihr eigenes Leben und ihren eigenen Tod in sich trägt, gehört zu solcher Seelenverfassung, die nicht sich auf die Sinneswelt verläßt, daß die ihr sage: dies ist, oder dies ist nicht.

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Cite: GA 20/l03/p012 · edition original