Eine vergessene Strömung im deutschen Gedankenleben
Die Idee, wie sie vom Wesen des Menschen in der Philosophie des deutschen Idealismus lebt, leuchtet auch aus diesen Vorstellungen des wenig gekannten Denkers von Elsfleth, Wilhelm Heinrich Preuß. Mit dieser Anschauung weiß er den Darwinismus, sofern dieser nur auf die in der Sinneswelt sich abspielende Entwickelung blickt, zum Gliede einer geistgemäßen Weltanschauung zu machen. Einer Weltanschauung, die die Menschenwesenheit in ihrer Entfaltung aus den Tiefen des Weltalls erkennen will. Wie Bergson zu dem bei ihm glitzernden, aus Preuß' Darstellung aber so kraftvoll leuchtenden Gedanken gekommen ist: darauf soll in diesem Zusammenhange weniger Wert gelegt werden als vielmehr darauf, daß in den Schriften des wenig gekannten Preuß fruchtbarste Keime zu erblicken sind, die manchem eine stärkere Anregung geben könnten als die glitzernde Gestalt vermag, in der man sie bei Bergson wiederfindet. Allerdings muß man auch für Preuß mehr Anlage zur Gedankenvertiefung mitbringen, als sich bei denjenigen zeigte, die so viel Begeisterung für die Bergsonsche «Neubelebung» der Weltanschauung aufbrachten. Was hier gesagt worden ist, hat mit nationaler Zu- oder Abneigung gar nichts zu tun. In der letzten Zeit ist H. Bönke der «originellen philosophischen Neuschöpfung» Bergsons nachgegangen, weil dieser doch solch haßgetragene, verachtungsprühende Worte gegen das deutsche Geistesleben in dieser schicksaltragenden Zeit auszusprechen für nötig befunden hat. (Vergleiche die Schrift: Plagiator Bergson, Membre de l'Institut. Zur Antwort auf die Herabsetzung der deutschen Wissenschaft durch Edmond Perrier, Président de l'Academie des Sciences. Charlottenburg, Huth 1915.) In Anbetracht alles dessen, was Bönke nachweist über die Art, wie Bergson wiedergibt, was er dem deutschen Gedankenleben verdankt, ist wohl kaum übertrieben, was der Philosoph Wundt im Literarischen Centralblatt für Deutschland Nr.46 vom 13. November 1915 sagt: ... Bönke läßt es ... an belastendem Beweismaterial nicht fehlen. Seine Schrift besteht zum größten Teil aus Stellen, die den Werken Bergsons und Schopenhauers entnommen sind, und in denen der jüngere Autor die Gedanken des älteren entweder wörtlich oder mit geringer Variation wiederholt. Immerhin ist dies nicht allein entscheidend. Es wird darum zweckmäßig sein, die Beispiele, die Bönke ins Feld führt, einigermaßen nach kritischen Gesichtspunkten zu ordnen. Dann lassen sie sich wohl in drei Kategorien bringen. Eine erste enthält Sätze, die, abgesehen von unwesentlichen Unterschieden, bei beiden Schriftstellern genau übereinstimmen ...» In anderen Kategorien liegt die Übereinstimmung mehr in der Formung des Gedankens. Nun, es ist vielleicht wirklich weniger wichtig, inwieweit der deutsches Geistesleben so wütend verurteilende Bergson sich als ein recht williger Verarbeiter dieses deutschen Geisteslebens zeigt; wichtiger kann es aber scheinen, daß bei Bergson die Verarbeitung in leichtgewobenem, leicht erringbarem Nachdenken auftritt, und daß gar mancher Beurteiler besser getan hätte, mit der begeisterten Erhebung dieses «Neubelebers» der Weltanschauung zu warten, bis er durch besseres Verständnis derjenigen Denker, denen Bergson seine Anregungen verdankt, diese Erhebung - vielleicht unterlassen hätte. - Daß ein Nachfolger sich von seinen Vorgängern anregen läßt, ist eine übrigens naturgemäße Sache im Entwickelungsgange der Menschheit; es kommt aber darauf an, ob die Anregung zu einem Fortbildungsvorgang führt, oder - das geht auch aus Bönkes Darstellung klar hervor - wie bei Bergson zu einem Rückbildungsvorgang.