Eine vergessene Strömung im deutschen Gedankenleben
Er hätte erkennen müssen, wie sein «Erwachen aus der Erscheinung» nur ein Schein des Erwachens ist; in Wirklichkeit ist es ein von dem eigenen seelischen Erleben bewirktes Sich-Zurückziehen von der Erscheinung - gleichsam ein Erbeben vor der Erscheinung - und dadurch nicht ein «Erwachen aus der Erscheinung», sondern ein Einschlafen im Wahn; ein Selbstwahn, der seine Wahnwelt für Wirklichkeit hält, weil er nicht dazu gelangt, den Weg in die geistgemäße Wirklichkeit zu gehen. Plancks sich selbstverleugnendes Denken ist ein Seelenerlebnis, zu dem al Raschids Wahndenken nicht dringen mag. Da findet man im «Hohen Ziel» die Sätze: «Wer sein Heil in dieser Welt sucht, der bleibt dieser Welt verfallen; dem ist kein Entrinnen aus ungestilltem Verlangen; dem ist kein Entrinnen aus nichtigem Spiel; dem ist kein Entrinnen aus den engen Fesseln des ‹Ich›. Wer sich aus dieser Welt nicht erhebt, der lebt und vergeht mit seiner Welt.» Vor diesen Sätzen stehen diese: «Wer sein Heil im ‹Ich› sucht, dem ist Selbstsucht Gebot, dem ist Selbstsucht Gottheit.» Wer aber die treibenden Seelenkräfte, die in Denkern der Reihe von Fichte bis Planck walten, lebensvoll erkennt, der durchschaut den Trug, der in diesen Sätzen des «Hohen Zieles» sich ausspricht. Denn er erkennt, wie die Sucht nach dem Selbst - die Selbstsucht - vor dem Erleben des «Ich» im Fichteschen Sinn liegt, und wie das Fliehen der Ich-Anerkennung - im altindischen Sinn - das hochmütige Erkenntuisstreben scheinbar weiter in die Geistwelt hineinführt, in Wirklichkeit aber zurückwirft in die Sucht nach dem Ich. Denn erst das Finden des Ich läßt das Ich entrinnen den Fesseln der Sucht nach dem Ich, der Selbstsucht. Es kommt eben durchaus darauf an, ob man im «Erwachen aus der Erscheinung» die vom Rückfall in die Ich-Sucht verursachten Erlebnisse des «Hohen Zieles» hat, oder ob man Erlebnisse hat, auf die folgende Worte deuten können. Wer sein Heil im Fliehen des «Ich» sucht, der verfällt der Sucht nach dem «Ich»; wer das «Ich» findet, befreit sich von der Sucht nach dem Ich; denn Sucht nach dem Ich schafft das Ich zu seinem eigenen Götzen; Finden des «Ich» gibt das Ich der Welt. Wer sein Heil im Fliehen der Welt sucht, der wird von der Welt in seinen eigenen Wahn zurückgeworfen; den täuscht hochmütiger Erkenntniswahn und läßt ihm nicht'ges Ideen-Spiel als Weltenwahrheit erscheinen; der löst von vorne die Fesseln des Ich und sieht nicht, wie der Feind der Erkenntnis sie von hinten ihm nur fester anlegt. Wer sich, die Weltoffenbarung verschmähend, über die Welt erheben will, der führt sich in den Wahn, der ihn um so sicherer hält, als er ihm sich als Weisheit offenbart. - In den Wahn, mit dem man sich und andere vor dem schwierigen Erwachen in dem neueren Weltanschauungs-Idealismus zurückhält, und in ein «Erwachen aus der Erscheinung» hineinträumt. Ein vermeintliches Erwachen, wie es das «Hohe Ziel» weisen will, ist zwar ein Quell zu jenem Erlebnis, das immer erneut dem «Erwachten» von der Erhabenheit seiner Erkenntnis sprechen läßt, aber auch ein Hindernis für das Erleben dieses Weltanschauungs-Idealismus. Man nehme diese Bemerkungen nicht so, als ob der Verfasser dieser Schrift das Erkenntnisstreben al Raschid Beys in seiner Art irgendwie herabsetzen wollte; was er hier sagt, ist nur der ihm notwendig erscheinende Einwand gegen eine Weltanschauung, die ihm in dem ärgsten Selbstwahn zu leben scheint. Solchen Einwand kann man wohl auch machen, wenn man eine geistige Erscheinung von einem gewissen Gesichtspunkte aus schätzt; vielleicht kann es einem gerade dann am notwendigsten erscheinen, weil der Ernst dazu zwingt, der in der Behandlung von Erkenntnisfragen walten muß.