{"corpus":"steiner","locus":"GA 201/1920-04-09/p004","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Die mehr theologische könnte man etwa dahin charakterisieren, daß man sagt: Es ist alles von irgendeiner göttlichen Macht, göttlichen Vorsehung vorherbestimmt, und der Mensch muß dasjenige ausführen, was ihm von der göttlichen Macht vorausbestimmt ist. In diesen beiden Fällen würde entweder die reine naturwissenschaftliche Notwendigkeit oder nur die unbedingte göttliche Voraussicht gelten. Es würde von Freiheit des Menschen nicht die Rede sein können. Auf der anderen Seite steht die ganze moralische Welt. Diese moralische Welt, von ihr fühlt der Mensch wohl, wie er von ihr nicht sprechen kann, ohne an die Freiheit seiner Willensentschlüsse zu denken. Denn hat der Mensch keine Möglichkeit zu freien Willensentschlüssen, so kann von einer Moralität der Handlungen des Menschen ja nicht die Rede sein. Dennoch fühlt der Mensch Verpflichtungen, moralische Impulse, und er muß eine moralische Welt anerkennen. Ich habe Ihnen auch erwähnt, wie die Unmöglichkeit, eine Brücke zwischen diesen zweien zu schaffen, zwischen der Welt der Notwendigkeit und der Welt des Moralischen, Kant dazu geführt hat, zwei Kritiken zu schreiben: die «Kritik der reinen Vernunft», die sich gewissermaßen damit beschäftigt, alles zu untersuchen, was der natürlichen Weltordnung angehört, und die «Kritik der praktischen Vernunft», die sich damit beschäftigt, das zu untersuchen, was der moralischen Weltordnung angehört. Dann hat er noch die Notwendigkeit empfunden, die «Kritik der Urteilskraft» zu schreiben, die gewissermaßen eine Vermittelung sein sollte zwischen beiden, die aber doch nur ein Kompromißprodukt geworden ist, und die höchstens zu einer Realität übergeht in der Betrachtung der Welt des Schönen, des künstlerischen Schaffens. Das würde aber auch nur bedeuten, daß der Mensch auf der einen Seite die Welt der Notwendigkeit hat, in die er eingesponnen ist, auf der anderen Seite die Welt des freien moralischen Handelns hat, und nichts anderes, was beide verbindet, finden würde, als die Welt des künstletischen Scheins, wo wir, sagen wir, in der Plastik oder in der Malerei eben dem Scheine nach dasjenige vorstellen, was zwar aus der Naturnotwendigkeit genommen ist, dem wir aber einprägen dasjenige, was frei von Naturnotwendigkeit ist, dem wir gewissermaßen den Schein des Freien im Notwendigen geben.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Erster Vortrag","site_heading":null,"date":"1920-04-09","location":null,"word_count":340,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/201/1920-04-09/p004","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/201/1920-04-09/p004"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/201/1920-04-09/p004","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}