Erster Vortrag
Sehen Sie, von diesem Gesichtspunkte aus dürfen wir wirklich sagen - ich will das einleitend jetzt bemerken -, daß der Verlauf, die Entwickelung unserer anthroposophisch orientierten Geistesbewegung in den letzten Tagen einen Anlauf genommen hat, der Geistesbewegung der Menschheit in deutlicher Weise zu zeigen, wie gesucht werden müsse dieses Durchleuchten der heutigen Denkweise, die gewissermaßen den Menschen ganz verloren hat, mit der Menschenerkenntnis. Das war ja etwas, was ganz durchleuchten mußte den eben für Ärzte gehaltenen Kursus, der insofern zu denjenigen Dingen gehört, durch die wir das Geistesleben versuchen mit Menschenerkenntnis zu durchdringen, als eben mit ihm ein erster Versuch gemacht worden ist, in positiver Weise in die Notwendigkeiten, die heute für bestimmte Fachwissenschaften vorliegen, hineinzuleuchten. Und nach außen zeigte sich das durch die Reihe von Vorträgen, die hier von unseren Freunden und von mir gehalten worden sind und in denen gezeigt werden sollte, wie das Verhältnis sich zu gestalten hat der einzelnen Fachwissenschaften zu dem, was sie als Impuls dutch die Geisteswissenschaft erhalten können. Es wäre durchaus wünschenswert, daß ein recht starkes Bewußtsein vorhanden wäre innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung von der Notwendigkeit solcher Unternehmungen. Denn sollen wir gedeihen, so haben wir durchaus nötig, der Außenwelt klarzumachen, sie gewissermaßen zu zwingen zum Verständnis davon, daß hier in keiner Weise der Dilettantismus gefördert werden soll auf irgendeinem Gebiete, sondern daß hier ernste Erkenntnis angestrebt werden muß. Das ist ja dasjenige, was oftmals auch verhindert wird durch die Art, wie aus unseren Kreisen selbst unsere Dinge in die Öffentlichkeit dringen, so daß man von dieser Öffentlichkeit aus dann glaubt - oder auch böswilligerweise es leicht so motivieren kann -, daß hier alles mögliche Sektiererische und aller mögliche Dilettantismus vertreten werde. Immer mehr und mehr muß einfach diese Außenwelt davon überzeugt werden, wie ernst es ist mit dem Streben, das all dem zugrunde liegt, für das dieser Bau hier der Repräsentant ist. Und getragen werden müßten eben im weiteren eigentlich solche Unternehmungen, wie diejenigen waren, die wir nun länger, durch einige Wochen, haben hier ablaufen sehen, von den Kräften der ganzen anthroposophischen Bewegung. Denn dadurch wird der Anfang gemacht mit einer wirklichen Menschenerkenntnis, die die Grundlage bilden muß für alle wahre Geisteskultur. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ist immer mehr und mehr - ich möchte sagen - filtriert worden, verabstrahiert worden das konkretere Verhältnis, das die Menschen früher zur Welt gehabt haben. Der Mensch wußte allerdings durch atavistische Erkenntnisse viel mehr über sich selbst in alten Zeiten, als er heute weiß. Denn seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ist eben über die ganze sogenannte zivilisierte Welt ausgedehnt worden der Intellektualismus. Der Intellektualismus stützt sich nur auf einen kleinen Teil, auf einen ganz kleinen Teil im Wesen des Menschen. Und weil sich dieser Intellektualismus nur auf einen ganz kleinen Teil im Wesen des Menschen stützt, gibt er auch von der Welterkenntnis nur ein abstraktes Netz.
Cite:
GA 201/1920-04-09/p006 · edition original