Erster Vortrag
Auch diese Dimension (die horizontale) findet der Mensch nur dadurch, daß er sie in sich selbst erlebt. Strecken Sie im Verhältnis zu der Vertikaldimension Ihre Hände aus, Ihre Arme aus, so erleben Sie die zweite Dimension. Und nehmen Sie dazu dasjenige, was Sie erleben, indem Sie atmen, indem Sie sprechen, also indem Sie die Luft einziehen oder ausatmen, oder indem Sie essen, wo die Speisen in Ihrem Körper von vorne nach rückwärts sich bewegen, so erleben Sie dazu die dritte Dimension. Nur dadurch, daß der Mensch in sich diese drei Dimensionen erlebt, projiziert er sie auch hinein in den äußeren Raum. Es gibt schlechterdings nichts, was der Mensch in der Außenwelt finden kann, ohne daß er es zuerst in sich selber findet. Aber das Eigentümliche ist, daß der Mensch in der abstrahierenden Zeit seit der Mitte des 15. Jahrhunderts diese drei Dimensionen zu einem Gleichartigen gemacht hat. Das heißt, er hat die konkreten Unterschiede einfach weggelassen. Er hat weggelassen dasjenige, was die drei Raumdimensionen für ihn zu etwas Verschiedenem macht. Er müßte eigentlich, wenn er sein eigenes Menschenerlebnis gäbe, sagen: meine Aufrechte, meine Wirkende, meine Umfassende oder meine Ausstreckende. Er müßte einen Unterschied zwischen diesen drei Raumdimensionen annehmen. Würde der Mensch aber einen Unterschied zwischen diesen drei Raumdimensionen annehmen, dann würde er auch nicht mehr das astronomische Weltbild in einer solchen Weise abstrakt fassen können, wie er es faßt. Denn dann würde er auf ein nicht so rein intellektualistisches Weltbild kommen. Er würde aber in konkreter Weise erleben müssen, wie er sich in bezug auf diese drei Dimensionen zur Welt verhält. Das erlebt er heute nicht. Er erlebt heute nicht das Sich- Aufrichten, das In-derVertikale-Sein. Daher weiß er auch nicht, daß er in dieser Vertikale aus dem Grunde ist, weil er sich mit der Erde in einer bestimmten Richtung bewegt, welche diese Vertikale einhält (Tafel 2, Mitte oben. Erde mit vertikalem Strich). Und der Mensch weiß auch nicht, daß er auch seine Atembewegung, seine Verdauungs-, Eßbewegung und noch andere Bewegungen, welche in derselben Richtung verlaufen, in einer gewissen Richtung macht, durch die sich die Erde wiederum in einer gewissen Linie bewegt (die vorige Zeichnung wird durch die schwingende Linie ergänzt). All dieses Einhalten von gewissen Richtungen ist ein Sich-Hineinfügen in Bewegungen des Weltenalls. Von diesem konkreten Verstehen der Dimensionen sieht der Mensch heute ganz ab. Daher kann er sich auch nicht einordnen in den Weltenprozeß; daher weiß er auch nicht, wie er in diesem Weltenprozeß drinnensteht, wie er gewissermaßen ein Glied in diesem Weltenptrozesse ist. Es wird immer mehr und mehr dazu kommen müssen, daß Schritte gemacht werden, durch die der Mensch eine gewisse Menschenerkenntnis, eine gewisse Selbsterkenntnis bekommt von seiner Einordnung in das Weltenall.
Cite:
GA 201/1920-04-09/p009 · edition original