Neunter Vortrag

GA 201/1920-04-25/p015 ·1920-04-25 · original (original)
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So wird man hingewiesen darauf, daß dasjenige, was physisch vorhanden ist, unmittelbar ein Ausdruck für das Geistige ist. Man kann den physischen Menschen, der vor uns steht, so verstehen, daß er ein Ausdruck des Geistigen ist, das durchlebt wird zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Die physische Welt ist aus sich selbst zu erklären, und sie bringt die geistige Welt mit in dieser Erklärung. Aber das muß man erst haben, daß man sich sagt: Die Naturerscheinungen sind nur eine Halbheit, wenn wir sie als bloße Sinneserscheinungen haben. Das muß man erst haben, dann kann man den Übergang finden dazu, daß das Ereignis, das der Erde eigentlich erst den rechten Sinn gibt, das Ereignis von Golgatha, auf der einen Seite ein rein geistiges Ereignis ist, aber zu gleicher Zeit in das physische Leben eingreift. Wenn man nicht vorbereitet ist, die Beziehungen vom Geistigen zum Physischen in der richtigen Weise zu sehen, so wird man niemals imstande sein zu begreifen, daß das Ereignis von Golgatha ein geistiges Ereignis ist und zu gleicher Zeit ein Ereignis des physischen Planes. Indem 869 auf dem achten allgemeinen Konzil der Geist abgeschafft worden ist, ist zu gleicher Zeit die Unmöglichkeit inauguriert worden, das Ereignis von Golgatha zu begreifen. Das ist das Interessante, daß die abendländischen Bekenntnisse zwar vom Christentum ausgegangen sind, daß sie aber merkwürdigerweise Sorge getragen haben, daß das Wesen des Christentums nicht innerhalb dieser Bekenntnisse begriffen werden kann. Das Wesen dieses Christentums muß vom Geiste aus erfaßt werden. Und die abendländischen Bekenntnisse haben sich gegen den Geist gewehrt, und einer der Hauptgründe, warum Anthroposophie auch von katholischer Seite verpönt wird, ist der, daß hier wiederum von dem Irrtümlichen, der Mensch bestehe aus Leib und Seele, zurückgegangen wird auf das Wahre: der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. Das weist eben hin auf das Interesse, welches auf jener Seite ist, die Menschen nur ja nicht zur Erkenntnis des Geistes kommen zu lassen und nur ja nicht darauf kommen zu lassen, was das Ereignis von Golgatha eigentlich ist. Und so ist denn auch zunächst diese ganze Erkenntnis, von der Sie sehen, daß sie so aufklärend wirkt für das Menschenbegreifen, so ist diese ganze Erkenntnis verlorengegangen. Wie soll man daher für die heutige Menschheit eine Pädagogik aufbauen, da die heutige Menschheit den Blick für das Wesen des Menschen verloren hat?

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Cite: GA 201/1920-04-25/p015 · edition original