Dreizehnter Vortrag
Das hat aber noch eine viel größere Bedeutung, die darinnen besteht, daß zunächst auf unseren festen Menschen unmittelbar dasjenige einen Einfluß hat, was wir unser Ich nennen, daß aber auf unseren flüssigen Menschen einen unmittelbaren — unmittelbaren, sage ich - Einfluß hat dasjenige, was wir unsern Astralleib nennen, so daß also auch dasjenige, was vom Seelisch-Geistigen auf unsere Organisation wirkt, durch unsere Leiblichkeit in Beziehung kommt zu all dem, was die Kräfte und die Bewegungen des Kosmos sind. Diese Bewegungen des Kosmos sind von den verschiedensten Weltanschauungsgesichtspunkten aus immer Gegenstand der Beobachtung gewesen. Wenn wir hinschauen auf die persische, die urpersische Kultur - da gab es schon Untersuchungen über die Bewegungen im Weltenall; es gab solche bei den Chaldäern, es gab auch solche bei den Ägyptern. Und es ist nicht uninteressant, gerade einmal - ich habe schon dergleichen erwähnt bei Betrachtungen, die mit diesen zusammenhängen - hinzusehen auf die Art, wie sich die Ägypter zu den Bewegungen des Weltenalls verhalten haben. Die Ägypter haben ja namentlich Veranlassung gehabt, aus zunächst scheinbar ganz materiellen Gründen, den Zusammenhang der Erde mit dem außerirdischen Kosmos zu studieren. Denn ihr Land hing ab von den Überschwemmungen des Nil, und die traten ein, wenn die Sonne eine bestimmte Lage im Weltenall hatte. Und diese Lage der Sonne konnte nach der Sirius-Stellung bestimmt werden, so daß die Ägypter schon dazu gekommen waren, über die Stellung der Sonne zu den Sternen, die wit heute Fixsterne nennen, sich Vorstellungen zu machen. Namentlich. waren in ägyptischen Priesterkolonien, in ägyptischen Priestermysterien ausgedehnte Untersuchungen betrieben worden über das Verhältnis der Sonne zu den anderen Sternen, zu den Sternen, die wir heute die fixen Sterne nennen. Das habe ich eben schon erwähnt, daß die Ägypter schon genau wußten, daß die Sonne mit jedem Jahre gegenüber den anderen Sternen am Himmel verschoben erscheint. So daß, wenn die Ägypter damit rechneten, daß die Sterne — ob scheinbar oder wirklich, ist uns gleichgültig - am Himmel herumgehen, so merkten sie, daß das Herumgehen der Sterne in Tagen eine gewisse Geschwindigkeit hat, das Herumgehen der Sonne auch eine gewisse Geschwindigkeit hat, aber keine ganz so große, wie das für die übrigen Sterne der Fall war. Die Sonne bleibt immer etwas zurück. Die Ägypter wußten und verzeichneten das, daß die Sonne in 72 Jahren um einen Tag zurückbleibt, daß also, wenn ein bestimmter Stern, mit dem zugleich die Sonne in einem bestimmten Jahre aufgegangen ist, nach 72 Jahren wiederum aufgeht, die Sonne mit ihm nicht zugleich aufgeht, sondern daß sie dann erst 24 Stunden später aufgeht. Der Stern, der der Fixsternwelt angehört, der ist in 72 Jahren der Sonne um einen Tag, um einen vollen Tag vorausgeeilt. Das ist der Weg, den die Sterne machen und den die Sonne macht (Tafel 24, oben). Aber die Sonne bleibt in 72 Jahren um einen Tag zurück. Wenn ich mit 360 multipliziere, so bekomme ich 25 920 Jahre. Das ist die Zahl, die uns öfter begegnet ist. Es ist die Zeit, welche die Sonne braucht, um dutch ihr Zurückbleiben dahin zu kommen, daß sie wiederum zum Ausgangspunkt kommt, daß sie also um den ganzen Tierkreis herumgegangen ist. Sie ist also in 72 Jahren gerade um einen Grad zurückgeblieben, denn ein Kreis hat ja, wie Sie wissen, 360 Grade. Nach diesen teilten die Ägypter das große Jahr, das eigentlich 25 920 Jahre umfaßt, in 360 Tage. Aber ein solcher Tag ist 72 Jahre lang, und 72 Jahre, was ist denn das? Das ist im Durchschnitt auch die höchste Lebensdauer des Menschen. Gewiß werden einzelne älter, andere nicht so alt, aber es ist eine obere Grenze für das menschliche Leben. So daß man also sagen kann, dieser ganze Zusammenhang ist im Weltenall daraufhin konstruiert, daß er ein Menschenleben erhält durch einen Sonnentag hindurch, der 72 Jahre lang ist. Allerdings, der Mensch ist davon emanzipiert. Er kann immer geboren werden. Er ist davon emanzipiert, zu gewissen Zeiten geboren zu werden, aber sein Leben hier als physischer Mensch zwischen Geburt und Tod richtet sich nach diesem Sonnentag ein. Wenn man nun in der Geschichte nachliest, so wird man meistens finden, daß die Ägypter auch das gewöhnliche Jahr zu 360 Tagen angenommen haben, nicht zu 365% Tagen, wie es wirklich ist, bis später die Sache mit dem Gang der Sterne so wenig gestimmt hat, daß man die anderen fünf Tage eingeschoben hat. Aber wodurch ist es denn gekommen, daß die Ägypter ursprünglich das Jahr zu 360 Tagen angenommen haben? Da ist schon ein merkwürdiges Mißverständnis entstanden. Es ist das Mißverständnis entstanden, daß die Priester von einem großen Weltenjahr gesprochen haben. Für dieses Weltenjahr ist wirklich ein Grad, das heißt, der 360. Teil, ein Weltentag von 72 Jahren. So daß also in den ägyptischen Priestermysterien gelehrt worden ist: der Mensch hängt mit dem Kosmos so zusammen, daß seine Lebensdauer ein Tag des Weltenjahres ist. Da wurde der Mensch angegliedert an den Kosmos; es wurde ihm seine Beziehung zum Kosmos klargemacht.
Cite:
GA 201/1920-05-09/p007 · edition original