Fünfzehnter Vortrag
Sehen wir von diesem Gesichtspunkte aus einmal an, wie es sich verhält mit. dem Kinde. Das Kind wird geboren. Man spricht von Vererbungen. Ja aber, vererbt wird nur dasjenige, was zum Niedergange führen würde, was in die Dekadenz führen würde. Würde nicht das Kind erzogen werden schon durch die ganze Umgebung und später durch die Schule, durch das Leben, so würde das Kind entarten. Erziehung ist also in Wirklichkeit Bewahrung vor dem Entarten. Also, das wirkt Heilung. Als ein Heilungsprozeß wurde noch von der instinktiven Menschenerkenntnis aus alles angesehen, womit Erkenntnis, womit Erziehung, womit Priestertum irgend etwas zu tun hat. Für ältere Anschauungen war der Arzt vom Priester gar nicht zu trennen, war eines und dasselbe; erst die neuere Entwickelung hat Naturwissen und geist-seelisches Wissen so auseinandergetrennt, wie ich das gestern auseinandergesetzt habe. So daß man dem naturwissenschaftlichen Arzt überläßt, alles dasjenige zu heilen, was nach Ju/ius Robert Mayers Anschauung nichts zu tun hat mit dem, was Menschenziele sind und so weiter, sondern nur zu tun hat mit so etwas, wie die Aufwendung der umgewandelten Pferdekräfte in die Erhitzung der Pferde, der Wagenachsen, die Erhitzung der Straße, über die das Rad geht und so weiter. Das ungefähr überläßt man dem physischen Arzt. Und Leute wie Ruder in Berlin, der ja aber nur der Repräsentant dieser Richtung ist, die berechnen dasjenige, was der Mensch zum Leben nötig hat, ungefähr so, wie wenn der Mensch eine Art von komplizierterem Ofen wäre.
Cite:
GA 201/1920-05-15/p005 · edition original