Siebenter Vortrag

GA 202/1920-12-11/p005 ·1920-12-11 · original (original)
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Sie wissen ja, in der Geisteswissenschaft erscheinen die meisten Fragen, die man so populär aufwirft, auf eine ganz andere Art. In der Geisteswissenschaft müssen schon die Fragestellungen anders gefaßt werden, als sie oftmals in trivialer Weise heute noch gefaßt werden. Es sind ja insbesondere im 19. Jahrhundert, auch theoretisch, ganz besonders stark Anschauungen heraufgekommen, und es hat sich die Idee festgesetzt, daß man ein Seelisch-Geistiges neben dem Leiblich-Physischen gar nicht finden könne, und daß man das Geistig-Seelische wie eine Art Ergebnis des Leiblich-Physischen ansehen könne. Diese Anschauung hatte für diejenigen Menschen, die mit den großen Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Forschungen bekannt wurden, etwas außerordentlich Bestechendes. Man braucht ja nur sich zu erinnern, wie der Mensch eigentlich abhängig ist in seinem Leben zwischen der Geburt und dem Tode von seinen physischen Vorgängen, von seiner ganzen physischen Organisation. Immer wieder wurde von den materialistisch Denkenden darauf hingewiesen, wie ja in demselben Maße, in dem der äußere Leib sich entwickelt von den ersten Tagen der Kindheit an, mit dem Heranwachsen des äußeren Leibes sich auch die geistig-seelischen Fähigkeiten entwickeln, wie der Mensch, wenn er in bezug auf Leiblich-Physisches nicht entsprechend gepflegt wird, auch geistig-seelisch zurückbleibt. Es wurde darauf hingewiesen, wie dann beim Menschen im Alter, wenn das Leiblich-Physische in die Dekadenz kommt, auch die geistig-seelischen Fähigkeiten wiederum im Niedergange sind. Es wurde darauf hingewiesen, wie der Mensch, wenn er irgendwelchen Verletzungen unterliegt, auch in seinem Geistig-Seelischen Abnormitäten zeigt, so daß der Mensch abhängig ist von der Art und Weise, wie sein Physisch-Leibliches eben beschaffen ist. Es wurde darauf hingewiesen, wie der Mensch gewisse Gifte zu sich nimmt, die ja nur eine gewissermaßen chemische Wirkung in ihm hervorrufen können, und er dennoch dadurch in gewisse Zustände geistiger Abnormität hineingetrieben werden kann, wie hervorgerufen werden können geistig-seelische Lähmungszustände durch physische Substanzen, die dem Leib zugefügt werden, und dergleichen mehr. Es wurde also gezeigt, wie dasjenige, was man, ich möchte sagen, in aller Handgreiflichkeit in der äußeren physischen Forschung vor sich haben kann, bezeugt, daß im Grunde genommen das Geistig-Seelische nur eine Funktion sei des Physisch-Leiblichen. Ja, es konnten diejenigen Forscher, die ihre Gesinnung besonders an solchen Erscheinungen entwickelten, auch auf, ich möchte sagen, mehr minuziöse Tatsachen dieser Art hinweisen. Eine solche Erscheinung wie diese, daß Entartungen der Schilddrüse auf die geistig-seelischen Fähigkeiten einen Einfluß ausüben, hat zum Beispiel Forscher wie Gley dazu gebracht, zu sagen, die höchsten Fähigkeiten des Menschen, die geistig-seelischen, seien schließlich von jenen chemischen Vorgängen abhängig, die sich in der Schilddrüse abspielen. Alle diese Dinge hatten ja etwas Bestechendes aus der ganzen Art und Weise, wie sich wissenschaftliche Denkungsart in der neueren Zeit entwickelt hat. Und eigentlich kann man nicht anders sagen, als daß, indem immer mehr Menschen hineinwuchsen in diese wissenschaftliche Denkungsweise, die Begriffe von dem Geistig-Seelischen immer mehr und mehr zurückgedrängt wurden; das Geistig-Seelische wurde immer mehr als etwas angesehen, was keine selbständige Bedeutung hat. Und es bildete sich sozusagen mit aller Intensität ein Gegensatz heraus in unserer Bevölkerung der zivilisierten Erdengebiete: auf der einen Seite stehen diejenigen, die mehr oder weniger angesteckt sind von dem, was die naturwissenschaftliche Denkungsweise der neueren Zeit gibt, die es als einen großen Fortschritt für ihre geistige Entwickelung betrachten, wenn sie von einer solchen überhaupt sprechen wollen, einen Hinweis auf ein selbständig Geistig-Seelisches abzulehnen. Und auf der anderen Seite steht derjenige Teil der Bevölkerung, welcher fortleben will in alten Religionsbekenntnissen, in alten Vorstellungen von dem Geistig-Seelischen, von einer moralisch-göttlichen Weltenordnung, der aber eigentlich bei seinen Anschauungen, die aus alten Zeiten überliefert sind, nur dadurch bleiben kann, daß er sich fernhält von denjenigen Anschauungen, welche die naturwissenschaftliche Denkweise gebracht hat.

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Cite: GA 202/1920-12-11/p005 · edition original