{"corpus":"steiner","locus":"GA 202/1920-12-11/p006","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"So haben wir auf der einen Seite eine zahlreiche Bevölkerung, die von den anderen wie die Zurückgebliebenen angesehen werden, wie Menschen, die eben nichts wissen von dem Gesetze der natürlichen Ordnung, und die deshalb bei den alten religiösen Vorstellungen bleiben können. Allerdings hat sich immer mehr und mehr in der letzteren Zeit noch etwas anderes ergeben. Jene, ich möchte sagen, faszinierende Überzeugungskraft, die für einen großen Teil der Menschheit die naturwissenschaftlichen Vorstellungen in der Mitte oder auch noch im Anfange des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts hatte, diese faszinierende Überzeugungskraft hat allmählich abgenommen. Sie hat sogar bei vielen wissenschaftlich Denkenden abgenommen, und man ist duldsamer geworden gegen das, was man früher so aufgefaßt hat, daß es sich eben noch erhält bei den zurückgebliebenen unwissenden Menschen, daß es aber verschwinden müsse. Diese letztere Erscheinung, die ist aber eigentlich nur zurückzuführen auf die allgemeine Schläfrigkeit der modernen Seelen. Denn im Grunde genommen ist es unmöglich, auf der einen Seite die allmächtige Naturordnung zu haben und auf der anderen Seite eine irgendwie reale sittlich-geistige Weltenordnung. So wie die Naturordnung einmal angesehen wird in der neueren Zeit, verträgt sie sich nicht mit einer moralischen Weltordnung, und nur wenn man nicht schlagkräftig denkt, kann man die heutige Naturanschauung irgendwie neben das stellen, was aus alten Traditionen heraus in den verschiedenen Bekenntnissen vorhanden ist. Konsequent sind im Grunde genommen nur diejenigen Menschen gewesen, die etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts, auch in den fünfziger, sechziger Jahren, mit aller Entschiedenheit darauf hingewiesen haben, daß der Mensch ein physisch-leibliches Wesen ist, daß aus den Vorgängen seiner physisch-leiblichen Organisation die Erscheinungen des geistig-seelischen Lebens sich ergeben, und daß man allmählich ausrotten müsse, was dieser Anschauung entgegensteht. Und ich habe ja auch einmal in einem Öffentlichen Vortrag in Basel und an anderen Orten darauf aufmerksam gemacht, daß es Leute gegeben hat, die mit aller Strenge vertreten haben, daß man die Berechtigung einer moralischen Weltanschauung ablehnen müsse und daß im Grunde genommen ein Verbrecher ebenso ein Recht habe, sich auszuleben, wie derjenige, der in sogenannten moralischen Vorstellungen lebt.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Siebenter Vortrag","site_heading":null,"date":"1920-12-11","location":null,"word_count":338,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/202/1920-12-11/p006","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/202/1920-12-11/p006"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/202/1920-12-11/p006","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}