Siebenter Vortrag
Da gibt es natürlich für die moderne wissenschaftliche Denkweise bedeutsame Schwierigkeiten. Denn diese moderne naturwissenschaftliche Denkungsart, die bleibt am Allernächstliegenden haften, die sieht, wie die Keimesanlage des Menschen sich im Mutterleibe entwickelt, gibt sich dem Glauben hin, daß dieser Mensch einfach aus dem Mutterleibe nach der Befruchtung herauswächst, weil der Mutterleib die Kräfte enthält, die den Menschenkeim wachsen machen. Aber so ist es ja nicht. Solch eine Erklärungsweise sieht eben nur auf das Allernächste. Der Mensch ist ja ein Wesen, welches dasteht in der Welt im Zusammenhange mit dem ganzen Kosmos, welches in fortwährender Wechselwirkung steht mit dem gesamten Kosmos. Was würden Sie sagen, wenn jemand behaupten wollte: Ein gewisses Luftquantum, das Sie in einem gewissen Zeitpunkte in sich haben, sei aus Ihrem Leibe herausgewachsen. Es ist nicht aus Ihrem Leibe herausgewachsen, Sie haben es eingeatmet, Sie haben es dadurch in sich, daß Sie mit der gesamten Umwelt ein Ganzes bilden. Nur weil man nicht äußerlich sieht, wie der ganze Makrokosmos mitwirkt, wenn der Menschenkeim im Mutterleibe sich entwickelt, nur weil man nicht sieht, daß da ebenso die Einwirkungen von außen geschehen, daß da erst recht der Mensch mit dem gesamten Makrokosmos in Verbindung ist, glaubt man, der Menschenkeim wachse einfach im mütterlichen Leibe aus den Kräften des mütterlichen Leibes selbst heraus. Dieser Menschenkeim kommt eigentlich eindeutig aus der geistigen Welt. Er benützt nur denjenigen Ort, in dem er gewissermaßen das Tor findet, um in die physische Welt hereinzukommen. Es ist innerhalb dessen, was sich um uns herum im Raume ausbreitet, nirgends ein Tor für den Menschen, der die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchlebt hat, um in die physische Welt hereinzukommen. Es ist nur innerhalb des Menschenleibes selbst dieses Tor. Und was da kraftet, was da wirkt, das sind nicht die Kräfte von Vater und Mutter, sondern das sind kosmische Kräfte, die eben durch den mütterlichen Leib nach der Befruchtung ihren Zugang zur physischen Welt suchen, nach der sie als geistig-seelisches Wesen eine Begierde entwickelt haben.
Cite:
GA 202/1920-12-11/p011 · edition original