Siebenter Vortrag

GA 202/1920-12-11/p013 ·1920-12-11 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

So verwandelt sich der Mensch in ein physisches Wesen; aber dieses physische Wesen ist nur die äußere Form für ein Geistiges. Wir sehen das Kind, wie es zunächst, ich möchte sagen, undifferenzierte Züge hat, wie immer mehr und mehr sich aus ihm herausentwickelt die Menschengestalt. Und wir tun unrecht, wenn wir sagen: Da in dem Kinde drinnen, da ist etwas, was sich herausentwickelt. Wir tun recht, wenn wir von dem Kinde aus den Blick zurückwenden zu dem, was vorgeburtlich, was vor der Empfängnis tätig war, und was jetzt noch nachwirkt, was jetzt seine Wirkung äußert. In dem, was wir am Kinde beobachten von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr, sehen wir das Hereinwirken eines Vergangenen, das der Mensch geistig-seelisch durchgemacht hat vor seiner Geburt oder vor seiner Empfängnis. Wir tun nur recht, wenn wir das Kind so betrachten, daß wir sagen: Da ist die kindliche Organisation. Wir sehen, wie das Kind gewisse Eigenschaften entwickelt. Die suchen wir nicht in seinem Inneren, wo sie gewissermaßen herausstrahlen, sondern die suchen wir in seiner Vorzeit, von der noch die Strahlen hereinwirken. — Daß man das nicht will, das ist das große Unglück der modernen Weltanschauung. Die Zeit zu Hilfe nehmen, dasjenige, was vergangen ist, noch wirksam zu denken in seinem Gegenwärtigen, das ist es, worauf es ankommt. Und indem wir dann das Leben weiterentwickeln in der Zeit (blau, rechts), wandeln wir wiederum zurück, was leiblich-physisch ist, und wir kommen allmählich dazu, wiederum umzuwandeln das Leiblich-Physische in das Geistig-Seelische (rot, rechts). Indem wir physische Menschen geworden sind, hat sich in der Tat das Geistig-Seelische in das Physisch-Leibliche verwandelt, und wir verwandeln das Physisch-Leibliche wiederum in das Geistig-Seelische zurück. Sie werden sagen: Ja, da liegt aber doch eine Schwierigkeit vor! — Man würde schon verstehen, wie sich das Physisch-Leibliche wiederum zurückverwandelt in das Geistig-Seelische, wenn das so allmählich geschähe, wenn man sehen würde, daß der Mensch, sagen wir, vielleicht mit seinem fünfunddreißigsten Jahre ganz physisch geworden ist, dann aber anfangen würde, nach und nach wiederum geistig zu werden, und wenn er am Ende seines Lebens eben schon so geistig geworden wäre, daß der Tod nur ein allmählicher Übergang in das Geistig-Seelische wäre. Innerlich ist das auch der Fall, nur äußerlich nicht — der Schein trügt dabei. Es ist so, daß wir eigentlich in der absteigenden Lebenshälfte - die etwas älteren Leute, die hier sitzen, mögen mir diese Wahrheit nicht gar zu übel anrechnen -, indem wir älter werden, schon unseren Leib als etwas mitschleppen, was nicht mehr ganz zu uns gehört. Wir werden langsam Leichnam, und der Tod besteht eigentlich nur darin, daß uns dieser Leichnam zu schwer wird, daß die Schwerkraft zu stark wird, wenn wir mit unserer Seele am Morgen beim Aufwachen immer wiederum in diesen Leib zurückkommen. Man kann nur nicht sehen, wenn man die Sinne auf den äußeren Schein richtet, welche Veränderungen eigentlich mit dem Menschen vor sich gehen, und wie das Leben dieser zweiten Lebenshälfte schon ein langsames Sterben ist.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/202/1920-12-11/p013.json
Cite: GA 202/1920-12-11/p013 · edition original