Siebenter Vortrag
Und was denkt der Westländer? Nehmen wir einmal die hervorragendsten, gerade sozialen Denker des Westens, zum Beispiel Adam Smith. Geradeso wie die Naturwissenschaft des Westens ja den Menschen gar nicht hat - sie hat nur das Außermenschliche -, so hat auch die Sozialwissenschaft des Westens nicht den Menschen. Denn studieren Sie einmal Adam Smith: Er redet in seiner Nationalökonomie überhaupt gar nicht vom Menschen, sondern er redet von einem gewissen Erdenstück und von dem, was darauf wächst und darauf steht, und dann redet er noch von einem Automaten, den er säen läßt, ernten läßt und so weiter. Da ist ein Stück Erde, da ist ein Automat (es wird gezeichnet), der nur aus seinem Automatismus heraus frei muß schalten können über dieses Erdenstück. Da muß alles von diesem Automaten dann in der richtigen Weise mit diesem Erdenstück geschehen. Von diesen zweien redet eigentlich Adam Smith, und er nennt die hauptsächlichsten Eigenschaften dessen, was da als Automat ist, die wirtschaftliche Freiheit, und er nennt dasjenige, was da ein Stück Erde ist, das Privateigentum. Und das ist eigentlich die Urzelle seines sozialen Wesens, ein Stück Privateigentum mit einem wirtschaftenden Automaten, der von den anderen Automaten, die auf anderen Stücken Privateigentum stehen, unabhängig ist. Die Begriffe, die Adam Smith hat, handeln nur von der bearbeiteten Erde, vom Privateigentum und von einem solchen wirtschaftlichen Automaten mit wirtschaftlicher Freiheit. Das sind seine wirklichen Begriffe. Begegnet er einem Menschen, so sieht er ihn nicht als Mensch an, sondern er sagt sich: Das repräsentiert ein Stück Privateigentum und einen wirtschaftlichen Automaten, und das ist nur so gestaltet, daß es oben einen Kopf hat, und in der Mitte einen Rumpf und dann noch Gliedmaßen, und zu alldem gehört ja auch noch so ein Gespenst. — Aber darüber denkt man nicht nach; davon hat man keinen Begriff. Das erscheint nur so auf dem Privateigentum. Und indem sich der wirtschaftende Automat betätigt, nimmt er äußerlich die Gestalt eines kopfbegabten, rumpfbegabten und gliedmaßenbegabten Gespenstes an. Nirgends finden Sie, wenn Sie Adam Smith betrachten, irgendeinen Begriff von einem Menschen. Versuchen Sie es einmal! Sie finden eine Zusammenstellung von Privateigentum mit einem wirtschaftenden Automaten, aber Sie finden nicht einen Begriff vom Menschen. Sie finden gewissermaßen das, was um den Menschen herum ist, aber nicht den Menschen. Dabei ist das Charakteristische, daß von der Freiheit so ein letzter Schatten vorhanden ist, den man dann auf den wirtschaftenden Automaten überträgt. Man redet nicht von der menschlichen Freiheit, man redet nicht von dem, was, aus der moralischen Phantasie heraus sich erfüllend mit geistigem Inhalt, den Menschen als Vollmenschen ausfüllt — denn dann müßte man so reden, wie ich in meiner «Philosophie der Freiheit» geredet habe -, sondern man redet von einem Zusammenhang zwischen Privateigentum und einem wirtschaftenden Automaten. Wir haben auf der einen Seite, was von der Weisheit des Ostens zurückgeblieben ist, die Unfähigkeit, vom menschlichen seelisch-geistigen Wesen herauszukommen in die physische Welt. Wir haben von den Westländern die Fähigkeit, zu sehen: Ja, da ist etwas Reales in der Welt, denn es hat irgend etwas in der Welt und das automatisiert darauf; seine Lordschaft hat große Güter, seine Lordschaft hat äußere Kräfte, durch die diese Güter bewirtschaftet und bejagt werden. Da sieht man, daß seine Lordschaft da etwas hat. Aber das, was da herumwandelt, das ist eigentlich bloß ein menschliches Gespenst.
Cite:
GA 202/1920-12-11/p019 · edition original